Predigt über Markus 10, 35 - 45 im Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des DFB-Pokalendspiels der Männer 2013 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin

Nikolaus Schneider

01. Juni 2013

Predigttext:

"Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; Sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; Und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele." (Markus 10,35-45)

Liebe Gemeinde,

Respekt ist das Gegenteil von einem bedenkenlosen Egoismus. Respekt bindet das eigene Glück an die Wertschätzung der Mitmenschen.

Das gilt auch für den sportlichen Wettstreit: Eine respektvolle Lebenshaltung verbietet es nicht, siegen zu wollen, um den Sieg zu kämpfen und sich am Sieg zu erfreuen. Eine respektvolle Lebenshaltung verbietet es aber durchaus, Gegner bewusst zu verletzen, mit faulen Tricks die Regeln der Fairness auszuhebeln oder Schiedsrichter, Ordnungskräfte und Fans einer gegnerischen Mannschaft zu schmähen oder gar anzugreifen. Und solches unfaire Verhalten einüben oder dazu aufzustacheln, das geht gar nicht!

Damit wir Respekt gerade auch in Wettkämpfen, bei denen es auch um viel Geld geht, immer neu erleben und selbst leben können, helfen uns "Bedenk-Zeiten" wie dieser ökumenische Gottesdienst. Biblische Texte lassen uns dann neu erkennen: Gott will, dass wir unsere Begabungen und Fähigkeiten nicht bedenkenlos und nicht respektlos einsetzen.

Die Evangeliumslesung, die zugleich der Text für diese Predigt ist, verdichtet genau diese Einsicht in dem Jesuswort an seine Jünger: "Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele."

Zwei Gedanken aus dieser Evangeliumsgeschichte möchte ich uns für den heutigen Tag und Anlass auslegen:

  1. Respekt kann nicht gelebt werden ohne Verzicht auf eigene Wünsche und Bedürfnisse.
  2. Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus ermöglichen ein neues Verhalten und neue Verhältnisse.

Zum Ersten:

Respekt kann nicht gelebt werden ohne Verzicht auf eigene Wünsche und Bedürfnisse.

Ganz offensichtlich hatten Jakobus und Johannes die Worte Jesu nur sehr selektiv wahrgenommen. Sie hatten gehört, was sie gerne hören wollten: dass die Herrlichkeit Gottes auf Jesus und auf seine Nachfolger und Nachfolgerinnen wartet. Und jetzt wollten sie ihr herrliches Leben im Reiche Gottes schon hier auf der Erde planen, organisieren und feiern. Über vorausgehende Leiden und Verzichtserfahrungen wollten sie lieber nicht nachdenken und reden. Das war nicht ihr "Ding", wie man heute gerne sagt.

Dieses Ausklammern von Leid- und Verzichtserfahrungen aber führte zu einem respektlosen Verhalten von Johannes und Jakobus gegenüber Jesus und gegenüber dem übrigen Jüngerkreis: Jesus kündigte seinen Leidensweg an. Und die beiden Jünger haben nichts Besseres zu tun, als ganz schnell bei ihm vorzusprechen und schon einmal ihre Positionen im zukünftigen Gottesreich zu sichern. Und das an den anderen vorbei, vor allen anderen und auch ohne Rücksicht auf alle anderen. Hauptsache, die Erfüllung der eigenen Interessen wird gesichert. Eine ziemlich rüde Form des Egoismus in frommen Kreisen.

Wir lernen daraus: Auch der Freundeskreis Jesu, die ersten Christinnen und Christen waren keine idealen Menschen. Sie blieben fehlbare Menschen mit allen guten und schlechten Eigenschaften, die Menschen nun einmal zu bieten haben. Egoismus und Respektlosigkeit gehört dazu. Das zu lesen und zu hören ist tröstlich für uns Heutige.

Und wir lernen daraus: Wenn wir unsere inneren und äußeren Augen vor fremden und eigenem Leiden verschließen und wenn wir nicht um anderer willen auf eigene Wünsche und Bedürfnisse verzichten können, dann wird es uns nicht gelingen, respektvoll miteinander zu leben.

Und zum Zweiten:

Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus ermöglichen ein neues Verhalten und neue Verhältnisse.

Jesus geht mit den beiden Jüngern erstaunlich freundlich um: Keine Vorhaltungen, kein Schimpfen. Aber er macht ihnen doch unmissverständlich deutlich, dass der Glaube an Gott keine Lebensversicherung gegen Verzicht, Leiden und Sterben ist.

Ganz nüchtern stellt Jesus fest, was auf unserer Welt der Normalfall ist: Unterdrückung und Ausbeutung sind das gewöhnliche Schicksal gewöhnlicher Menschen. Herrschaft wird genutzt, um die eigene Position zu sichern - die Plätze an den Fleischtöpfen. Und der kleine Kreis der Eliten hilft sich dabei gegenseitig, diese Plätze zu behalten und auszubauen. Das war damals so. Und es ist bis heute so.

Jesus moralisiert nicht und macht kein schlechtes Gewissen. Er stellt einfach fest: So ist es unter euch nicht. Jesus verändert durch Zutrauen. Jesus fordert nicht, sondern er sagt es den Seinen zu: Ihr seid eine Gemeinschaft, die von der Liebe und der Zuwendung Gottes zu euch und von eurer Liebe, eurer Zuwendung und eurem Respekt untereinander bestimmt ist.

"Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.", so erklärt Jesus in unserem Predigttext seinen eigenen Lebens- und Leidensweg.

Jesus Christus hat uns Menschen gleichsam "freigekauft"

  • von all unseren zum Scheitern verurteilten Versuchen der Selbsterlösung,
  • von Todesverdrängung und Unsterblichkeitswahn,
  • von innerem Zwang zur Selbstüberhebung und rücksichtsloser Selbstbehauptung
  • vom "Siegen-Müssen" und "Nicht-Verlieren-Können".

Diese Botschaft gilt bis heute:
Wir müssen andere nicht ausbeuten, um ein gutes Leben zu haben. Wir müssen andere nicht besiegen, um uns selbst zu bestätigen. Wir müssen andere nicht respektlos beschimpfen, um eigenen Frust abzubauen. Und "unsere" Mannschaft muss nicht den Pokal gewinnen, damit wir Freude an einem guten Fußballspiel haben.

Im Vertrauen auf das Wort Jesu und auf seine Zusage gilt bis heute: Ein neues Verhalten von uns Menschen und neue Verhältnisse zwischen uns Menschen sind möglich. Unsere Beziehungen, unsere Gemeinschaften und auch unser Sport können durch gegenseitigen Respekt bestimmt und geprägt sein. Lassen wir uns durch das Vorbild Jesu dazu inspirieren und bewegen!

Amen.