Predigt zum Reformationsfest in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu Berlin

Wolfgang Huber

31. Oktober 2006

Galater 5,1

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Der Ruf des Evangeliums gleicht einem aufrüttelnden Fanfarenstoß. Gott hat uns das schwere Joch von Hals und Schultern genommen. Mensch atme auf! Du bist zur Freiheit berufen! Der gütige und barmherzige Gott sucht dich. Er möchte, dass du aufrecht deinen Weg gehst. Du wirst neue Formen der Knechtschaft als solche entlarven. Das Evangelium ist dein Kompass. Du gehörst zu den Kindern der Freiheit.

I.

Jeder Tag ist ein kleiner Reformationstag. Tagtäglich geht es um die Bewahrung der in Gott verankerten Freiheit. Das Reformationsfest ist kein nostalgischer Blick in ein Wittenberger Museum. Es geht vielmehr um rettende Klarheit für heute und morgen. Jung und Alt verbindet die Frage, wie man unter den komplexen Anforderungen unserer Zeit eine eigenständige Person sein kann, die in Freiheit ihre Individualität entfaltet und dabei das Wohl anderer Menschen im Sinn behält.

In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat Martin Luther mit zwei berühmt gewordenen Sätzen eine Antwort gegeben: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Und: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Die reformatorische Einsicht, dass ein Christenmensch Herr und Knecht zugleich ist, lässt sich nicht billig aufspalten in eine beschauliche, sofakissengestützte innere Freiheit einerseits und eine buckelnde Anpassung nach außen.

Unter dem Begriff „Freiheit“ findet sich im „Deutschen Wörterbuch“ von Jakob und Wilhelm Grimm folgender Hinweis: „der älteste und schönste ausdruck für diesen begrif war der sinnliche ‚freihals’, [...] ein hals, der kein joch auf sich trägt“. In der doppelten These aus Luthers Freiheitsschrift klingt dieser Sinn von Freiheit ebenso deutlich an wie im Bild des Paulus von dem Menschen, der das Joch der Knechtschaft hinter sich hat. Das Privileg des freien Halses gilt Luther als Metapher für die Freiheit der Getauften. Denn sie haben das Privileg, auf Gottes Güte und seine Vergebung zu vertrauen. Sie können für sich und andere beten und mit einer Antwort rechnen. Sie können verletzten und schwierigen Menschen mit Liebe und Achtung begegnen, ohne sie mit Besserungsprogrammen zu überfordern. Die mit dem freien Hals, die Getauften, haben das Privileg, auf unmäßige Ansprüche an sich selbst und andere zu verzichten. Dies alles sind Früchte der Freiheit, die in unserer Lebensgeschichte mit der Taufe ihren Anfang nimmt. Beugt euch vor Gott, sonst vor niemandem auf dieser Welt! Es sei denn für andere. Kein Rückfall unter das alte Joch.

II.

Diese Freiheit ist das Thema des Reformationstags. Manche verbinden inzwischen mit dem 31. Oktober jedoch ein ganz anderes Fest. Halloween breitet sich auch in Deutschland aus. Immer mehr Gruselfreunde finden Gefallen an diesem Fest. „Süßes oder Saures“ - so lautet der Schlachtruf der Kinder, die als Hexen, Geister oder Skelette verkleidet am Vorabend des 1. November durch die Wohngebiete ziehen. Die Bewohner der Häuser kaufen sich frei, indem sie den kleinen Monstern schleunigst eine Handvoll Leckereien aushändigen. Wer sich nicht auslöst, muss damit rechnen, das Opfer übler Streiche zu werden.

Die Reaktionen auf Halloween sind unterschiedlich. Die einen sprechen von einem fantasievollen Spiel, andere von dümmlichem Mummenschanz. Fest steht, dass der Gruselboom die Herzen von Geschäftsleuten höher schlagen lässt. Marketingfachleute haben es geschafft, ihre Schauerprodukte unter die Leute und vor allem an die Kinder zu bringen. Ein Heidenspaß! Schaufenster und Regale lassen sich damit trefflich füllen.

Von Jesus wird berichtet, dass er im Jerusalemer Tempel die Tische und Stände der Händler umstürzte, die dort während des Passafestes ihre Umsätze machten. Er wollte nicht, dass der Tempel zur „Räuberhöhle“ wurde. Die Tempelhändler mögen sich darüber geärgert haben. Aber Jesus ging es darum, dass der Wunsch nach Umsatz nicht über die Seele der Menschen herrscht.

Halloween ist kein christliches Ereignis. Es wird in der Kirche auch nicht gefeiert. Die Vorstellung, dass die Geister Verstorbener als böse Geister wiederkehren, verträgt sich nicht mit dem christlichen Glauben. Für ihn sind die Verstorbenen bei Gott geborgen; sie brauchen nicht umherzugeistern. Der evangelischen Kirche ist auch nicht gleichgültig, dass dieses Spektakel ausgerechnet am 31. Oktober über das Land der Reformation hereinbricht. Wir können den Reformationstag nicht zugunsten  einer Gruselparty aufgeben. Denn die Reformation hat den Menschen zur Klarheit verholfen und die Freiheit des Glaubens erneuert.

Am Anfang stand ein widerborstiger Mönch, der wie Luther auch mit handfesten Interessen in Konflikt geriet. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ - mit diesem Slogan zogen Ablasshändler zu Luthers Zeiten den Menschen das Geld aus den Taschen. Luther widersprach der Auffassung, dass der Mensch sein Heil kaufen könne. Er rief seine Kirche zur Umkehr. Dem dienten die 95 Thesen, die am 31. Oktober 1517 an der Tür der Wittenberger Schlosskirche zu lesen waren. Er rief die Kirche zu ihrem Ursprung und erneuerte sie – eine Kirche der Freiheit. Luther gab den Anstoß. Viele Menschen nahmen den Ball auf und spielten ihn weiter. Bis zum heutigen Tag. Das zu feiern ist besser als Halloween.

III.

So besteht in der Freiheit, zu der euch Christus befreit hat. In diese Aufforderung mündet der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Galatien. Daran knüpft die Reformation an, wenn sie auf dem Zusammenhang von Freiheit und Mündigkeit beharrt und die Fähigkeit der Christen betont, von ihrem Glauben verantwortlich Rechenschaft abzulegen. Mit einem durchaus paradoxen Ausdruck sprechen wir in diesem Zusammenhang vom allgemeinen Priestertum. Die in der Taufe vollzogene Beauftragung aller Christinnen und Christen zu Zeugnis und Dienst für das Evangelium ist eines der Markenzeichen der evangelischen Kirche.

Heute sind wir danach in besonderer Weise gefragt. Es ist unsere Mission, den Glanz des Evangeliums zu rühmen. Denn unsere Mitmenschen sind genauso wie wir auf die rettende Lebenshilfe des Glaubens angewiesen.

Allen Getauften gilt die Verheißung der Bergpredigt, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Der Beruf, den sie im Alltag ausüben – in ihrer Erwerbsarbeit oder im Ehrenamt – , ist nicht nur ein Job, sondern er beruht auf einer Berufung. Berufung aber heißt im Sinn der Reformation, dem Ruf Gottes zu folgen und ihm in der eigenen alltäglichen Arbeit zu entsprechen. In jedem äußeren Beruf liegt eine innere Berufung: die Berufung nämlich zum Dienst am Nächsten. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Stallmagd – so heißt eines von Luthers Lieblingsbeispielen – dem Fürsten absolut gleich. Wir könnten heute verdeutlichen: Einen Beruf in diesem Sinn nimmt ein Mitglied des Berliner Senats ebenso wahr wie ein Familienvater im Erziehungsurlaub; die arbeitslose Frau, die auf der Grundlage einer Mehraufwandsentschädigung eine Kirche offen hält, erfüllt ebenso einen Beruf wie der Großvater, der seine Enkeltochter bei den Hausaufgaben unterstützt.

Die Kirche der Freiheit folgt dem Ruf des Evangeliums. Sie trägt die Verantwortung dafür, dass Kinder aus christlichen Familien und nach Möglichkeit auch deren Freunde lernen, wann es angemessen ist, auf Freiheit zu pochen oder eben in Freiheit einen Dienst zu übernehmen. Sie prangert eine Verwahrlosung der Sitten nicht nur an, wenn sie in Afghanistan geschieht und in der Bildzeitung abgebildet wird. Es geht um unseren eigenen Alltag. Es geht um die Einübung in den Unterschied von Freiheit und Willkür. Es geht um das Verhältnis von Freiheit und Bindung. Das Zutrauen zu Gott, in dem wir die Freiheit des Menschen verankert wissen, ist nicht eine Idee von gestern, sondern ein rettendes Leuchtfeuer auf dem Weg in die Zukunft.

IV.

Dietrich Bonhoeffer, dessen hundertsten Geburtstag wir in diesem Jahr gefeiert haben, regt bis auf den heutigen Tag viele Menschen an, über seinen Widerstand gegen die Rechtsbeugung durch das Naziregime nachzudenken. Bei Bonhoeffer taucht der Gedanke auf, dass das Handwerk der Freiheit erlernt werden kann, dass es gelernt werden muss. Von ihm stammt das Bild von den „Stationen auf dem Weg zur Freiheit“ So heißt das sechste von zehn Gedichten, die uns von Dietrich Bonhoeffer aus der Zeit der Haft überliefert sind. Offenkundig handelt es sich um einen Spiegel der inneren, qualvollen Auseinandersetzung, die mit dem Scheitern des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 verbunden war. Zucht, Tat, Leiden, Tod: so heißen die vier Stationen auf dem Lernweg der Freiheit, die Bonhoeffer schildert.

Wir können von Bonhoeffer lernen, dass der Gebrauch der Freiheit offensichtlich Tugenden wie die der Selbstdisziplin voraussetzt. Am Beispiel Dietrich Bonhoeffers erkennen wir, dass das Handeln nicht ein beliebiges Tun meint, sondern dasjenige Tun, das der Zukunft zugewandt und an der Frage orientiert ist, wie eine künftige Generation leben kann. Bonhoeffers mutiger Versuch, das Wirkliche tapfer zu ergreifen, führte ihn in die Erfahrung des Scheiterns, denn Hitler überlebte das Attentat. Bonhoeffer erkennt, dass der Weg der Freiheit nicht aufhört, wenn die Möglichkeiten der Tat an ein Ende kommen. Vielmehr stehen Leiden und Tod nicht im Gegensatz zur Freiheit, sondern bilden selbst Stationen auf dem Lernweg der Freiheit. Das Leiden ist eine tägliche Erfahrung des Inhaftierten. Der Tod steht ihm vor Augen. Bonhoeffer schrieb: „Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden. Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.“

So weit reicht der Blick der Freiheit. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Amen.