Predigt am Pfingstsonntag in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu Berlin

Wolfgang Huber

04. Juni 2006

1. Kor 2, 12-16

I.

Bei jedem Flug gibt es einen Augenblick, bei dem ich die Luft anhalte. Er ist so ungewohnt wie beim ersten Mal. Es ist der Augenblick der Landung. Ich warte nicht so sehr, ob die Räder richtig auf der Landebahn aufsetzen. Ich warte auf die Schubumkehr. Wenn die Räder aufgesetzt haben, spüre ich plötzlich sehr deutlich, welcher gewaltigen Kraft ich mich anvertraut habe. Die Geschwindigkeit, die mir in der Luft gar nicht so auffiel, nun wird sie beängstigend. Wird der Pilot sie unter Kontrolle bringen? Er muss das Tempo verlangsamen. Es gäbe eine Katastrophe, wenn die Triebwerke das Flugzeug nicht mit derselben Kraft abbremsten, mit der sie es auf Geschwindigkeit gebracht haben. Erst wenn diese Umkehr der Kraft, die in dem Flugzeug steckt, gelingt, verlangsamt es seine Fahrt. Mich zieht diese Kraft unwiderstehlich nach vorn, in den Sicherheitsgurt. Aber ich atme erleichtert auf, wenn ich das Gefühl habe, das Tempo ist unter Kontrolle, das Flugzeug kann an seinen Zielpunkt gesteuert werden. Schubumkehr nennen die Techniker es, wenn die Beschleunigungskraft in eine Bremskraft verwandelt wird. Auch das Umgekehrte ist denkbar. Gut, wenn diese Verwandlung immer wieder gelingt.

Pfingsten ist ein Fest der Schubumkehr. Natürlich kommt dieses Wort in der Bibel nicht vor. Von Fliegen ist dort noch nicht die Rede. Doch die Bibel beschreibt mehrfach die Umkehr vom rasenden Weg ins Verderben zu einem neuen Anfang. Die Umkehr des ängstlichen Sich-Verkriechens der Jünger Jesu ist der mutige Auftritt  des Petrus vor der Menge in Jerusalem. Die Umkehr der babylonischen Sprachverwirrung ist das Pfingstwunder: Fremde können sich verstehen. Das Ende, das Jesu Weg auf Erden findet, kehrt sich um in den Beginn des Weges der christlichen Kirche durch die Zeiten.

II.

Diese Schubumkehr beschreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Korinth eindringlich und in schroffen Alterrnativen. Dort heißt es:

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen?« (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

Paulus unterscheidet. Er unterscheidet den „Geist der Welt“ vom „Geist aus Gott“; die Worte „menschlicher Weisheit“ und menschlichen intellektuellen Bemühens von gottgegebenen Worten; die Torheit vom Dank. Es ist, als würde Paulus durch dieses Unterscheiden Denksperren beiseite räumen wollen, die sich seine Gesprächspartner auferlegt haben. Beispielsweise die Denkfigur, dass der Glaube von besonderen religiösen Genen abhängt, die man von seinen Eltern geerbt haben muss, weil man sonst ohne Chancen ist. Amerikanische Wissenschaftler behaupten das in diesen Tagen. Oder die Denkfigur, nur der glaube, der das Datum seiner Bekehrung nachweisen könne – so als ob der Glaube nicht ein langer Weg sein kann, bei dem sich die Klarheit plötzlich am Horizont zeigt, ohne dass ich genau sagen kann, seit wann sie in mein Blickfeld getreten ist. Oder die Denkfigur, dass nur derjenige ein mündiger Mensch ist, der den Glauben hinter sich gelassen hat. Manche, die in Berlin ein Schulfach „Ethik“ für alle ohne Abmeldemöglichkeiten durchgesetzt haben, lassen sich leider von einer solchen Denkfigur leiten und erschweren Schülerinnen und Schülern mit der freien Wahl auch die Möglichkeit, von ihrer Religionsfreiheit in der Schule einen positiven Gebrauch zu machen. Denkfiguren etwa in der Art einer religiösen Genenforschung, die gerade daran hindern, Gottes Wirken in dieser Welt wahrzunehmen.

Pfingsten gehört zu den großen Festen im Kirchenjahr. Hinter Weihnachten und Ostern steht es nicht zurück. Gott ist Mensch geworden, so heißt die Weihnachtsbotschaft. Der Gekreuzigte ist auferstanden. Das ist der Kern des Osterfestes. Und Pfingsten? Ich gebe zu: Das Kommen des Geistes ist nicht so leicht anschaulich zu machen wie das Wunder der Geburt in der Krippe. Das Drama des Heiligen Geistes ist unscheinbarer als das Drama von Kreuz und Auferstehung. Aber das Kommen des Geistes ist deshalb nicht weniger wichtig. Es bewirkt eine Schubumkehr. Und diese Schubumkehr kann Leben retten.

Deshalb sollten alle Pfingsten feiern. Niemand sollte es sich selbst verbieten, von Gottes Geist überrascht zu werden. Wir alle bleiben ein Leben lang auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen, die der Lauf des eigenen Lebens aufwirft. Wer ist mir Freund? Wo finde ich Glück? Wozu lebe ich? Wem kann ich meine tiefsten Nöte und Fragen anvertrauen? Im Umgang mit diesen Fragen brauchen wir die Kraft, die Geister zu unterscheiden.

Paulus macht uns das vor. Er unterscheidet den „Geist der Welt“ und den „Geist aus Gott“. Das ist heilsam. Es ist pfingstlich. Der Geist aus Gott – das ist ein Geist, der in uns den Sinn Christi weckt. Es ist ein Geist, der von Glaube, Liebe und Hoffnung bestimmt ist. Er führt uns über das Sichtbare und Machbare hinaus. Wir brauchen diesen Geist, damit wir nicht versinken in einen Geist des Kleinmuts, der wechselseitigen Abgrenzung und der Resignation. Der Geist des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung ist die große biblische Botschaft am Pfingsttag.

III.

Am ersten Pfingsttag kam dieser  Geist über die Gemeinde in Jerusalem wie mit Feuerflammen. Die Glut dieses Feuers ist nicht erloschen. Selbstbewusst und fröhlich sagen wir als evangelische Kirche: Ein direkter Weg führt vom ersten Pfingstfest bis heute und hierher nach Deutschland, bis hierher in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Wir feiern das Fest gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern der christlichen Kirchen in aller Welt. „Christi Sinn“ verbindet uns miteinander; er öffnet füreinander; er lässt uns verschiedene Gaben entwickeln und Glieder an seinem einen Leib sein.

Mit „Christi Sinn“ wissen wir Pfingsten zu feiern als einen Tag der Offenheit. Schon am ersten Pfingsttage trat dies zutage, als Menschen verschiedenster Herkunft und Kultur einander verstanden. Der Gründungstag der christlichen Kirche weist sogleich darauf hin, dass wir unseren christlichen Glauben nicht allein leben können. Wir stehen in einer Gemeinschaft der Glaubenden. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns geglaubt haben. Wir halten die Hände derer, die mit uns glauben. Und wir bieten hoffentlich auch die Schultern für diejenigen, die nach uns glauben wollen. Die christliche Kirche ist eine Verantwortungsgemeinschaft für die Weitergabe des Glaubens. Sie ist eine Gemeinschaft, die Sprachen, Völker und Kontinente umgreift. Pfingsten fordert deshalb in besonderer Weise dazu heraus, anderen und fremden Menschen grundsätzlich offen und zugewandt zu begegnen. In den nächsten Wochen wird das zum Zuge kommen, wenn tausende von Fans zur Fußballweltmeisterschaft anreisen und das Land mit Lebendigkeit und Farbe bereichern. Wo Fans einander im Geist von Pfingsten begegnen, wird die Sprache nicht gegeneinander eingesetzt, sondern genutzt, um einander zu verstehen, voneinander zu lernen, miteinander zu feiern.

Mit „Christi Sinn“ feiern wir Pfingsten als ein Fest der Freiheit. Der Apostel Paulus beschreibt das an einer anderen Stelle seines Briefwechsels mit der christlichen Gemeinde in Korinth so: Der Herr – also Christus – ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Pfingsten ermutigt dazu, aus der Freiheit zu leben und sie auch für andere zu fordern. Am Feiertag der Freiheit erinnern wir uns an Orte, an denen Menschen einander Freiheit und Würde verweigern. Ich denke an den Sudan, den ich im vergangenen Jahr mit meiner Frau besucht habe. Friedlosigkeit und Hunger, Unfreiheit und Zustände, die dem Völkermord nahe sind: der Geist der Freiheit begehrt dagegen auf. Oder ich denke an die unhaltbaren Umstände, unter denen Menschen in Guantanamo gefangen gehalten werden, und das ausgerechnet von der Macht, die die Freiheit in besonderer Weise auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ich denke aber auch an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der uns Deutschen nahe legen will, die gemeinsame Scham über den Mord am europäischen Judentum hinter uns zu lassen, weil, wie er „kein Volk seine Erniedrigung akzeptiert“. Dem halten wir an Pfingsten den Geist der Wahrheit entgegen und sagen: Ein Volk wird nicht dadurch erniedrigt, dass es sich zur Wahrheit bekennt. Erniedrigt wird es, wenn es sich der Wahrheit verweigert. Der „Sinn Christi“ drängt uns an Pfingsten dazu, unsere Stimme für die Würde und die Freiheit der Menschen zu erheben.

Wann immer Menschen die Würde ihrer Mitmenschen missachten, sie diffamieren oder gar gewalttätig werden, sehe ich vor meinem inneren Auge das Bild eines Düsenjets, der ungebremst über die Landebahn hinausrast. Man fragt sich verzweifelt und empört, warum die lebensnotwendige Schubumkehr versagt.

Wann immer ein Mensch andere zum Hass aufhetzt und ihnen einen Stolz einzureden versucht, der darauf angewiesen ist, andere schlecht zu machen, habe ich das Gefühl, dass die Schubumkehr versagt. Die Kraft, die in jedem Menschen steckt, wird zu einer Kraft des Verderbens. Dann, ja gerade dann bitte ich um die Kraft des Geistes, des Heiligen Geistes.

Der Heilige Geist, den wir an Pfingsten feiern, scheidet die Geister. Das schafft Klarheit. Nötigenfalls löst es Streit aus. Was ist wahr, was ist falsch? Was ist gut, was ist böse? Auch uns selbst gilt diese Frage – im Kleinen wie im Großen. An Pfingsten feiern wir die Zusage Gottes, dass er uns seinen Geist sendet, der uns mit Leben erfüllen und uns in unserem Handeln bestimmen will.

Um einen solchen Geist bitten wir für diese Stadt und für unser Land. Die Fähigkeit zu Frieden und Gerechtigkeit, eine Kultur der Achtung für jedermann, den Blick für Gottes offenen Himmel über uns: das ist der Geist, um den wir bitten: „O komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein! Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippan an, dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann!“

Amen.