PREDIGT ANLÄSSLICH DES 20. JAHRESTAGES DER REAKTORKATASTROPHE VON TSCHERNOBYL IN DER KAISER-WILHELM-GEDÄCHTNISKIRCHE ZU BERLIN (JOHANNES 11,25-27)

Wolfgang Huber

26. April 2006

JOHANNES 11,25-27

Zu Marta, der Schwester des Lazarus, die um ihren Bruder trauert, sagt Jesus: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja,Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

I.

Der größten Katastrophe in der wirtschaftlichen Nutzung der Atomenergie gedenken wir in der zweiten Woche nach Ostern. Wir suchen Zuflucht bei dem, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. (2. Tim 1,10) Wir vergewissern uns unserer Hoffnung auf Jesus Christus, der spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. (Joh 11,25f). Wir hören an Ostern Gottes unbedingtes und unzerstörbares Ja zum Leben, das Siegeslied des Lebens über den Tod. Wer in dieses österliche Bekenntnis einstimmt, der stimmt auch der Verantwortung für das zu, was dem Leben dient.

II.

Ein Imker erzählte seine Geschichte vom 26. April 1986 wie folgt: Ich komme am Morgen in den Garten, und irgendwas fehlt, ein vertrautes Geräusch. Keine einzige Biene war zu hören! Keine einzige! Was war das? Was war los? Auch am nächsten Tag flogen sie nicht aus. Und am übernächsten. Hinterher erfuhren wir von der Havarie im Atomkraftwerk, und das ist ganz in der Nähe. Aber lange wussten wir nichts. Die Bienen wussten Bescheid, aber wir nicht.

Das Atomkraftwerk, in dessen Nähe der Imker seine Bienen aufzog, ist das Kernkraftwerk Tschernobyl. Durch die sowjetische Propaganda galt es den Anwohnern in der Umgebung als das friedliche Atom, das Glühlampen zum Leuchten und elektronische Geräte zum Laufen bringt. Durch einen Versuch der Wissenschaftler in der Anlage, bei der bestimmte Sicherheitsabläufe getestet werden sollten, wird in den ersten Morgenstunden des 26. Aprils, eines Sonnabends, eine verheerende Katastrophe ausgelöst. Gewaltige Explosionen reißen die 1.000 Tonnen schwere Abdeckung des Reaktorkerns aus den Angeln und zerstören einen Teil des Reaktorgebäudes. Ein heftiger Brand lässt radioaktive Partikel in mehr als 1.400 Meter Höhe schleudern und eine unkontrollierbare hochgiftige Wolke bilden.

Doch kein lautes Rufen warnt die Menschen, keine Informationen dringen zu denen vor, die doch in nächster Nähe wohnen. Die Gefahr der Strahlen und des verheerenden fallouts nähert sich unsichtbar und still. So still, dass man die Bienen hätte hören können, wären sie in diesen Frühlingstagen des Jahres 1986 nicht verschwunden.

Doch statt zu warnen und die Menschen in der Umgebung zu evakuieren, schweigen die Verantwortlichen. Sie versuchen, die Gefährlichkeit des Unfalls zu vertuschen. Erst am 27. werden die 50.000 Einwohner der nahe gelegenen Stadt Pripjat überhaupt informiert. Hunderttausende sogenannter Liquidatoren, zumeist junger und zwangsrekrutierter Männer, werden eingesetzt, um den Brand zu löschen, dann um Aufräum- und Sicherungsarbeiten durchzuführen. Wer heute Filmaufnahmen von den Arbeiten sieht, bemerkt schnell, dass sie ohne jede Schutzkleidung auskommen mussten. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Katastrophe nicht auch auf die drei anderen Reaktoren übergriff; sie bewahrten die Welt vor einem noch größeren Unglück. Doch das Risiko ihres Einsatzes wird ihnen verschwiegen. Viele von ihnen sterben oder erkranken schwer. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nach Angaben der Liquidatorenverbände 46,2 Jahre.

Die Behörden lassen die Feierlichkeiten zum 1. Mai in gewohnter Weise stattfinden. Schon in dieser Zeit wäre es gut gewesen, hätten Menschen berücksichtigt, was noch 1989 als normale Verhaltensregel bei vielen ukrainischen und belarussischen Kindern auffiel, als sie zu Gast bei Familien in Deutschland waren: sich nicht ins Gras zu setzen, keine Blumen zu pflücken, nicht auf Bäume zu klettern. Erst am 4. Mai ist die Stadt Tschernobyl evakuiert. In den Tagen, Monaten und Jahren nach dem Reaktorunfall sterben unzählige Menschen: Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter, Eltern und Freunde. Noch drei Jahre nach der Katastrophe leben über zwei Millionen Weißrussen in verseuchten Gebieten. Eine Todesgeschichte.

Die Länder Westeuropas erfahren von dem Unglück über sprunghaft angestiegene Strahlungswerte in Finnland, Schweden und Norwegen am Abend des 28. Aprils. Am 30. April wird der deutsche Wetterdienst von besorgten Bürgern bestürmt. Das schöne Frühsommerwetter de nächsten Wochenendes nimmt auf eigentümliche Weise etwas Falsches an. Wir feiern mit Freunden eine Taufe. Doch ein Gefühl des Todes legt sich wie Meltau über das Fest. Zum ersten Mal bewegen wir uns über das Gras, als dürften wir es nicht berühren. Radioaktivität kennt keine Grenzen. Wir werden hineingezogen in eine Todesgeschichte. Das Mitleiden mit den Opfern bricht sich Bahn.

III.

Auch die Geschichte der Marta ist eine Todesgeschichte – ganz anders, und doch im Einzelfall so nahe gehend wie jeder Tod. Bei Marta bestimmt der jähe Tod ihres Bruders Lazarus die Szenerie. An seinem Totenbett begegnet sie Jesus in tiefer Trauer. Diese Trauer macht auch vor engen Wegbegleitern Jesu nicht halt. Doch sie trägt ihre Trauer zu Jesus, den Herrn über Leben und Tod. Ja, sie sagt es ihm direkt ins Gesicht: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage. (Joh 11, 24) Marta glaubt an die künftige Auferstehung von den Toten. Doch diese Hoffnung kann sie nicht über den Tod des Bruders hinwegtrösten. Nein, so merkt man an ihrer Reaktion, eine Hoffnung, die allein mit Worten vertröstet, reicht nicht. Das ist es, was Marta klagend vor Jesus bringt. Marta wird zur Fürsprecherin all jener, die sich nach einer österlichen Tat sehnen. Nach einem Handeln, das die Möglichkeiten von Leben höher gewichtet als eine wenn auch nur in geringem Maße kalkulierbare Gefahr des Todes. Marta will Taten sehen. Sie gibt sich nicht mit guten Worten zufrieden. Von Marta her wird jede Absichtserklärung, die vorgibt, Leben zu schützen und zu fördern nach der konkreten Ausführung befragt. Marta ist Anwältin der Glasnost, der zuverlässigen Information und der klaren Handlung. Sie steht auf gegen ein Lobbytum, das verschleiert und sich der Suche nach kreativen Lösungen widersetzt.

Mit Marta stellen wir fest: Es ist vor dem Leben der jetzigen und künftiger Generationen viel zu kurz gedacht, lediglich das Menschenmögliche an Sicherheitsstandards in Kernkraftwerken zu etablieren. Denn bereits die Möglichkeit ist vor dem Maßstab des Lebens und der Lebensgefährdung von gleichem Gewicht wie die Wirklichkeit. Die Katastrophe von Tschernobyl hat die tödliche Dimension des Begriffs Restrisiko spüren lassen. Nicht Überheblichkeit, sondern Demut vor dem Leben ist die angemessene Lehre aus dem Unglück vor zwanzig Jahren.

Mit Marta fragen wir: Ist der Übergang von ziviler in militärische Nutzung der Kernspaltung vor der Verantwortung für das Leben als Gefahr hinnehmbar? Oder muss um der unzweideutigen Option für das Leben alles getan werden, um dieses Risiko auszuschließen? Das provozierende Zurschaustellen von waffenfähigen Kernbrennstoffen im Iran brennt uns solche Fragen ins Bewusstsein.

Mit Marta fordern wir: Wer sich damit zufrieden gibt, von einem erhöhten Energiebedarf auf die Notwendigkeit erhöhter Energieproduktion zu schließen, zeigt eine bemerkenswerte Form von denkerischer Selbstbeschränkung. Denn längst sind nicht alle Möglichkeiten und Anreize zum Energiesparen ausgeschöpft. Noch immer hat sich nicht durchgesetzt, dass Energiesparen zu den wichtigsten Energiequellen gehört.

IV.

Jesus antwortet Marta. Er lässt sich von ihrem Engagement beeindrucken. Er führt ihr das Beispiel seines eigenen Lebens vor Augen, damit sie Zuversicht für das Leben ihres Bruders gewinnt. Er spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. (Joh 11, 25f) Mit Jesus kommt die Gottesgewissheit in die Welt. Dass Gott das Leben seiner Geschöpfe will und es gut mit ihnen meint, verbürgt er in seiner Person.

Jesus spricht ganz unverblümt vom Ende, vom Tod. Er weiß um die Angst, die der Tod mit sich führt, die Unsicherheit, die er hervorbringt. Die Katastrophe von Tschernobyl setzte eine Angst frei, die geräuschlos um sich griff. Die friedliche Nutzung der Kernenergie hatte einen unsichtbaren Feind des Lebens in die Welt gebracht. Soldaten mit Maschinengewehren säumten die Gegend um das Atomkraftwerk. Doch der Feind war nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht zu riechen. Er schlich sich in die Wiese, die eben noch Schönheit versprach; nun aber Bedrohung. Was sicher schien, geriet ins Wanken. Selbst der Tod hatte sich verändert. Von einem Abschied in jenen Tagen am Bett des Ehemanns im Krankenhaus wird berichtet, als die Frau den Sterbenden küssen will. Nicht küssen! Nicht streicheln! ruft der Arzt. Sie tut es dennoch. Sie kann nicht anders. Sie wagt den Aufstand des Lebens angesichts der unmenschlichen Fratze des Todes.

Jesus selbst ist durch die Fratze des Todes, durch das Ende hindurchgegangen. Gottes Geschichte mit den Menschen endet nicht mit dem Tod. Sein Wort hat das Ende verwandelt zu einem Anfang. Von dieser Gewissheit lassen wir uns tragen. Sicher: Sie vertreibt nicht die Not. Sie heilt nicht das Leiden. Sie vermindert nicht Gefahr und Risiko. Doch sie findet sich mit dem Ende nicht ab. Sie widersetzt sich der Stille, die dem Tod den Sieg lässt. Die Botschaft von der Verwandlung des Todes in einen neuen Anfang des Lebens ist ein Fanal. Sie legt sich quer zu unserem Denken und Fühlen. Sie verweist auf unsere Verantwortung für das Leben. Sie fordert uns dazu heraus, die Option für das Leben zu ergreifen.

V.

Achten wir noch einmal auf das, was Marta tut, nachdem Jesus mit seiner Person das Leben bezeugte. Damit Marta spürt, dass sein Wort ihr gilt, fügt Jesus folgende Frage hinzu: Glaubst du das? Darauf erwidert Marta und bekennt: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. Dichter und kürzer kann kaum zur Sprache kommen, worum es im Evangelium geht. Ganz gesammelt bekennt Marta, dass sie die Option für das Leben ergreift. Sie macht sie sich mit diesen Worten selbst zu Eigen. Wer der Osterbotschaft vertraut, wird nicht schweigen, sondern handeln, keinen Schlussstrich ziehen, sondern Mund und Augen öffnen für das Leben.

Viele haben sich schon bald aufgemacht, nachdem vor zwanzig Jahren die Katastrophe und ihr Ausmaß bekannt geworden waren. Oft zunächst noch ohne genaue Vorstellungen haben Kirchengemeinden und andere Gruppen begonnen, ein Netzwerk an Hilfeleistungen zu flechten, das bis auf den heutigen Tag trägt. Ungezählte Hilfsorganisationen, Schulen, Kirchengemeinden und andere Partnerschaften bilden stabile Brücken zwischen Ost und West. Es wird geschätzt, dass etwa 200.000 Kinder zur Erholung in Gastfamilien in Deutschland aufgenommen wurden. Neue und tiefe Verbindungen sind zwischen Menschen entstanden.

Dabei ist die Gefahr noch keineswegs vorüber. Schilddrüsenkrebs und psychosoziale Störungen sind die beängstigenden Begleiter vieler Frauen und Männer. Sie stehen mit ihrem Leben dafür, dass die Katastrophe vor zwanzig Jahren keinen Schlussstrich in der Stille verträgt, sondern dazu herausfordert, auf allen Ebenen die Option für das Leben zu suchen und zu ergreifen. Denn die Botschaft von Ostern verstummt niemals. Sie gibt neue Hoffnung.

Amen.