Der Große Katechismus Martin Luthers

Nach der Fassung des deutschen Konkordienbuches (Dresden 1580)

Das sechste Gebot

Du sollst nicht ehebrechen

Diese Gebote sind nun an sich selbst leicht zu verstehen aus dem nächsten, denn sie gehen alle dahin, dass man sich hüte vor allerlei Schaden des Nächsten; sind aber fein ordentlich gestellt. Zum ersten auf seine eigene Person; danach fortgefahren auf die nächste Person oder das nächste Gut nach seinem Leibe, nämlich sein eheliches Gemahl, welches mit ihm ein Fleisch und Blut ist, also dass man ihm an keinem Gut höheren Schaden tun kann. Darum auch deutlich hier ausgedrückt wird, dass man ihm keine Schande zufügen soll an seinem Eheweibe. Und lautet eigentlich auf den Ehebruch, darum dass im jüdischen Volk so geordnet und geboten war, dass jedermann musste ehelich erfunden werden, darum auch die Jugend aufs zeitlichste beraten ward, also dass Jungfrauenstand nichts galt, auch kein öffentliches Huren- und Bubenleben (wie jetzt) gestattet ward. Darum ist der Ehebruch die gemeinste Unkeuschheit bei ihm gewesen.

Weil aber bei uns ein solches schändliches Gemenge und Grundsuppe aller Untugend und Büberei ist, ist dies Gebot auch wider alle Unkeuschheit gestellt, wie man sie nennen mag, und nicht allein äußerlich die Tat verboten, sondern auch allerlei Ursache, Reizung und Mittel; also dass Herz, Mund und der ganze Leib keusch sei, keinen Raum, Hilfe noch Rat zur Unkeuschheit gebe, und nicht allein das, sondern auch wehre, schütze und rette, wo die Gefahr und Not ist, und wiederum helfe und rate, dass sein Nächster bei Ehren bleibe. Denn wo du solches nachlässt, so du könntest dafür sein, oder durch die Finger siehst, als ging dichs nicht an, bist du eben sowohl schuldig als der Täter selbst. Also ist, aufs kurze zu fassen, so viel gefordert, dass ein jeglicher beide für sich selbst keusch lebe und dem Nächsten auch dazu helfe; also dass Gott durch dies Gebot eines jeglichen ehelich Gemahl will umschränkt und bewahrt haben, dass sich niemand daran vergreife.

Dieweil aber dies Gebot so eben auf den Ehestand gerichtet ist und Ursache gibt davon zu reden, sollst du wohl fassen und merken: zum ersten, wie Gott diesen Stand so herrlich ehrt und preist, damit er ihn durch sein Gebot beide bestätigt und bewahrt. Bestätigt hat er ihn droben im vierten Gebot: du sollst Vater und Mutter ehren; hier aber hat er ihn (wie gesagt) verwahrt und beschützt. Darum will er ihn auch von uns geehrt, gehalten und geführt haben als einen göttlichen Stand, weil er ihn erstlich vor allen andern eingesetzt hat und darum unterschiedlich Mann und Weib geschaffen (wie vor Augen), nicht zur Büberei, sondern dass sie sich zusammen halten, fruchtbar seien, Kinder zeugen, nähren und aufziehen zu Gottes Ehren. Darum ihn auch Gott vor allen Ständen aufs reichlichste gesegnet hat, dazu alles, was in der Welt ist, darauf gewandt und ihm eingetan, dass dieser Stand je wohl und reichlich versorgt würde; also dass kein Scherz noch Fürwitz, sondern treffliches Ding und göttlicher Ernst es ist um das eheliche Leben. Denn es liegt ihm alle Macht daran, dass man Leute ziehe, die der Welt dienen und helfen zu Gottes Erkenntnis, seligem Leben und allen Tugenden, wider die Bosheit und den Teufel zu streiten.

Darum habe ich immerdar gelehrt, dass man diesen Stand nicht verachte noch schimpflich halte, wie die blinde Welt und unsere falschen Geistlichen tun, sondern nach Gottes Wort ansehe, damit er geschmeckt und geheiligt ist, also dass er nicht allein andern Ständen gleichgesetzt ist, sondern vor und über sie alle geht, es seien Kaiser, Fürsten, Bischöfe und wer sie wollen. Denn was beide, geistliche und weltliche Stände sind, müssen sich demütigen und alle in diesem Stand finden lassen, wie wir hören werden. Darum ist es nicht ein sonderlicher, sondern der gemeinste, edelste Stand, so durch den ganzen Christenstand, ja durch alle Welt geht und reicht. Zum andern sollst du auch wissen, dass es nicht allein ein ehrlicher, sondern auch ein nötiger Stand ist und ernstlich von Gott geboten, dass sich insgemein hindurch alle Stände, Mann- und Weibsbilder, so dazu geschaffen sind, darin finden lassen; doch etliche (wiewohl wenig) ausgenommen, welche Gott sonderlich ausgezogen, dass sie zum ehelichen Stand nicht tüchtig sind, oder durch hohe, übernatürliche Gabe befreit hat, dass sie außer dem Stande Keuschheit halten können. Denn wo die Natur geht, wie sie von Gott eingepflanzt ist, ist es nicht möglich, außer der Ehe keusch zu bleiben; denn Fleisch und Blut bleibt Fleisch und Blut, und geht die natürliche Neigung und Reizung ungewehrt und unverhindert, wie jedermann sieht und fühlt. Derhalben, auf dass desto leichter wäre Unkeuschheit etlichermaßen zu meiden, hat auch Gott den Ehestand befohlen, dass ein jeglicher sein bescheiden Teil habe und ihm daran genügen lasse; wiewohl noch Gottes Gnade dazu gehört, dass das Herz auch keusch sei. Daraus siehst du, wie unser päpstischer Haufe, Pfaffen, Mönche, Nonnen, wider Gottes Ordnung und Gebot streben, so den Ehestand verachten und verbieten und sich ewige Keuschheit zu halten vermessen und geloben, dazu die Einfältigen mit lügenhaftigen Worten und Schein betrügen. Denn niemand so wenig Liebe und Lust zur Keuschheit hat, als eben die den Ehestand vor großer Heiligkeit meiden und entweder öffentlich und unverschämt in Hurerei liegen oder heimlich noch ärger treiben, dass mans nicht sagen darf, wie man leider allzuviel erfahren hat. Und kürzlich, ob sie gleich des Werkes sich enthalten, so stecken sie doch im Herzen voll unkeuscher Gedanken und böser Lust, dass da ein ewiges Brennen und heimliches Leiden ist, welches man im ehelichen Leben umgehen kann. Darum ist durch dies Gebot aller unehelichen Keuschheit Gelübde verdammt und Urlaub gegeben, ja auch geboten allen armen gefangenen Gewissen, so durch ihre Klöstergelübde betrogen sind, dass sie aus dem unkeuschen Stand ins eheliche Leben treten, angesehen dass, ob sonst gleich das Klosterleben göttlich wäre, doch nicht in ihrer Kraft steht, Keuschheit zu halten, und wo sie darin bleiben, nur mehr und weiter wider dies Gebot sündigen müssen.

Solches rede ich nun darum, dass man das junge Volk dazu halte, dass sie Lust zum Ehestand gewinnen und wissen, dass es ein seliger Stand und Gott gefällig ist. Denn damit könnte mans mit der Zeit wiederum dahin bringen, dass er wieder zu seinen Ehren käme und des untätigen, wüsten, unordentlichen Wesens weniger würde, so jetzt allenthalben in der Welt zu Zoten geht mit öffentlicher Hurerei und andern schändlichen Lastern, so aus Verachtung des ehelichen Lebens gefolgt sind. Darum sind hier die Eltern und Obrigkeit auch schuldig, auf die Jugend zu sehen, dass man sie zur Zucht und Ehrbarkeit aufziehe, und wenn sie erwachsen, mit Gott und Ehren berate. Dazu würde er seinen Segen und Gnade geben, dass man Lust und Freude davon hätte.

Aus dem allen sei nun zu beschließen gesagt, dass dies Gebot nicht allein fordert, dass jedermann mit Werken, Worten und Gedanken keusch lebe in seinem, das ist allermeist im ehelichen Stande, sondern auch sein Gemahl, von Gott gegeben, lieb und wert halte. Denn wo eheliche Keuschheit soll gehalten werden, da müssen Mann und Weib vor allen Dingen in Liebe und Eintracht beieinander wohnen, dass eines das andere von Herzen und mit ganzer Treue meine. Denn das ist der vornehmsten Stücke eines, das Liebe und Lust zur Keuschheit macht, welches, wo es geht, wird auch Keuschheit wohl von selbst folgen ohne alles Gebieten; deshalb auch St. Paulus so fleißig die Eheleute ermahnt, dass eines das andere liebe und ehre. Da hast du nun abermals ein köstliches, ja viel und große gute Werke, welche du fröhlich rühmen kannst wider alle geistliche Stände, ohne Gottes Wort und Gebot erwählt.