Der Große Katechismus Martin Luthers

Nach der Fassung des deutschen Konkordienbuches (Dresden 1580)

Das fünfte Gebot

Du sollst nicht töten

Wir haben nun ausgerichtet beide, geistliches und weltliches Regiment, das ist göttliche und väterliche Obrigkeit und Gehorsam. Hier aber gehen wir nun aus unserm Haus unter die Nachbarn, zu lernen, wie wir untereinander leben sollen, ein jeglicher für sich selbst, gegen seinen Nächsten. Darum ist in diesem Gebote nicht eingezogen Gott und die Obrigkeit, noch die Macht genommen, so sie haben zu töten. Denn Gott sein Recht, Übeltäter zu strafen, der Obrigkeit an der Eltern statt befohlen hat, welche vorzeiten (als man in Mose liest) ihre Kinder selbst mussten vor Gericht stellen und zum Tode urteilen. Derhalben, was hier verboten ist, ist einem gegen den andern verboten und nicht der Obrigkeit.

Dies Gebot ist nun leicht genug und oft behandelt, weil mans jährlich im Evangelio hört, Mt 5,21, da es Christus selbst auslegt und in eine Summa fasst, nämlich dass man nicht töten soll weder mit Hand, Herzen, Mund, Zeichen, Geberden noch Hilfe und Rat. Darum ist darin jedermann verboten zu zürnen, ausgenommen (wie gesagt) die an Gottes Statt sitzen, das ist, Eltern und Obrigkeit. Denn Gott und was in göttlichem Stand ist gebührt zu zürnen, schelten und strafen, eben um derer willen, so dies und andere Gebote übertreten. Ursache aber und Not dieses Gebotes ist, dass Gott wohl weiß, wie die Welt böse ist und dies Leben viel Unglück hat. Darum hat er dies und andere Gebote zwischen Gut und Böse gestellt. Wie nun mancherlei Anfechtung ist wider alle Gebote, also gehts hier auch, dass wir unter viel Leuten leben müssen, die uns Leid tun, dass wir Ursache kriegen, ihnen feind zu sein. Zum Beispiel wenn dein Nachbar sieht, dass du besser Haus und Hof, mehr Gutes und Glückes von Gott hast denn er, so verdrießts ihn, neidet dich und redet nichts Gutes von dir. Also kriegst du viel Feinde durch des Teufels Anreizung, die dir kein Gutes, weder leiblich noch geistlich, gönnen; wenn man denn solche sieht, so will unser Herz wiederum wüten und bluten und sich rächen. Da erhebt sich denn wieder Fluchen und Schlagen, daraus endlich Jammer und Mord folgt. Da kommt nun Gott zuvor wie ein freundlicher Vater, legt sich ins Mittel und will den geschieden haben, dass kein Unglück daraus entstehe noch einer den andern verderbe; und Summa will er hiermit einen jeglichen beschirmt, befreit und befriedet haben vor jedermanns Frevel und Gewalt und dies Gebot zur Ringmauer, Feste und Freiheit gestellt haben um den Nächsten, dass man ihm kein Leid noch Schaden am Leib tue.

So steht nun dies Gebot darauf, dass man niemand ein Leid tue um irgendeines bösen Stückes willen, ob ers gleich höchlich verdient. Denn wo Totschlag verboten ist, da ist auch alle Ursache verboten, daher Totschlag entspringen mag. Denn mancher, ob er nicht tötet, so flucht er doch und wünscht, dass, wer es sollte am Hals haben, würde nicht weit laufen. Weil nun solches jedermann von Natur anhängt und im Gemeinden Brauch ist, dass keiner vom andern leiden will, so will Gott die Wurzel und Ursprung wegräumen, durch welche das Herz wider den Nächsten erbittert wird, und uns gewöhnen, dass wir allezeit dies Gebot vor Augen haben und uns darin spiegeln, Gottes Willen ansehen und ihm das Unrecht, so wir leiden, befehlen mit herzlichem Vertrauen und Anrufen seines Namens und also jene feindlich scharren und zürnen lassen, dass sie tun, was sie könnten. Also dass ein Mensch lerne den Zorn stillen und ein geduldiges, sanftes Herz tragen, sonderlich gegen die, die ihm Ursache zu zürnen geben, das ist gegen die Feinde.

Darum ist die ganze Summa davon (den Einfältigen aufs deutlichste einzuprägen, was da heiße nicht töten): zum ersten, dass man niemand Leid tue erstlich mit der Hand oder Tat, darnach die Zunge nicht brauchen lasse, dazu zu reden oder raten; über das keinerlei Mittel oder Weise brauche noch bewillige, dadurch jemand möchte beleidigt werden, und endlich, dass das Herz niemand feind sei noch aus Zorn und Hass Böses gönne; also dass Leib und Seele unschuldig sei an jedermann, eigentlich aber an dem, der dir Böses wünscht oder zufügt. Denn dem, der dir Gutes gönnt und tut, Böses tun, ist nicht menschlich, sondern teuflisch.

Zum andern ist auch dieses Gebots schuldig nicht allein, der da Böses tut, sondern auch wer dem Nächsten Gutes tun, zuvorkommend wehren, schützen und retten kann, dass ihm kein Leid noch Schaden am Leibe widerfahre, und tut es nicht. Wenn du nun einen Nackten lässt gehen und könntest ihn kleiden, so hast du ihn erfrieren lassen. Siehst du jemand Hunger leiden und speisest ihn nicht, so lässt du ihn Hungers sterben. Also siehst du jemand zum Tode verurteilt oder in gleicher Not, und rettest nicht, so du Mittel und Wege dazu wüsstest, so hast du ihn getötet. Und wird nicht helfen, dass du verwendest, du habest keine Hilfe, Rat noch Tat dazu gegeben; denn du hast ihm die Liebe entzogen und der Wohltat beraubt, dadurch er bei dem Leben geblieben wäre.

Darum heißt auch Gott billig die alle Mörder, so in Nöten und Gefahr Leibes und Lebens nicht raten noch helfen, und wird gar ein schreckliches Urteil über sie gehen lassen am jüngsten Tag, wie Christus selbst verkündigt, und sprechen: Ich bin hungrig und durstig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist noch getränkt; ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich nicht beherbergt; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet; ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Das ist: Ihr hättet mich und die Meinen wohl lassen Hungers, Durstes und Frostes sterben, die wilden Tiere zerreißen, im Gefängnis verfaulen und in Nöten verderben lassen. Was heißt das anders denn Mörder und Bluthunde gescholten? Denn ob du solches nicht mit der Tat begangen hast, so hast du ihn doch im Unglück stecken und umkommen lassen, soviel an dir gelegen ist. Und ist ebensoviel, als ob ich jemand sähe auf tiefem Wasser fahren und arbeiten oder in ein Feuer gefallen und könnte ihm die Hand reichen, herausreißen und retten, und täte es doch nicht, wie würde ich anders auch vor aller Welt bestehen denn ein Mörder und Bösewicht? Darum ist die endliche Meinung Gottes, dass wir keinem Menschen Leid widerfahren lassen, sondern alles Gute und Liebe beweisen, und ist (wie gesagt) eigentlich gegen die gerichtet, so unsere Feinde sind. Denn dass wir Freunden Gutes tun, ist noch eine schlechte, heidnische Tugend, wie Christus Mt 5,46 sagt.

Da haben wir nun abermal Gottes Wort, damit er uns reizen und treiben will zu rechten, edlen, hohen Werken, - als Sanftmut, Geduld, und Summa, Liebe und Wohltat gegen unsere Feinde, und will uns immerdar erinnern, dass wir zurückdenken des ersten Gebotes, dass er unser Gott sei, das ist uns helfen, beistehen und schützen wolle, auf dass er die Lust, uns zu rächen, dämpfe. Solches sollte man nun treiben und bläuen, so würden wir gute Werke alle Hände voll zu tun haben. Aber das wäre nicht für die Mönche gepredigt, dem geistlichen Stand zu viel abgebrochen, der Karthäuser Heiligkeit zu nahe und sollte wohl eben gute Werke verboten und Klöster geräumet heißen. Denn mit der Weise würde der Gemeinde Christenstand gleich soviel, ja weit und viel mehr gelten, und jedermann sehen, wie sie die Welt mit falschem, heuchlischem Schein der Heiligkeit äffen und verführen, weil sie dies und andere Gebote in Wind geschlagen und für unnötig gehalten, als wärens nicht Gebote, sondern Räte, und daneben unverschämt ihren Heuchelstand und Werke für das vollkommenste Leben gerühmt und ausgeschrieen, auf dass sie ja ein gutes, sanftes Leben führten ohne Kreuz und Geduld. Darum sie auch in die Klöster gelaufen sind, dass sie von niemand etwas leiden noch jemand Gutes tun dürften. Du aber wisse, dass dies die rechten, heiligen und göttlichen Werke sind, welcher er sich mit allen Engeln freut, dagegen alle menschliche Heiligkeit Stank und Unflat ist, dazu nichts anderes denn Zorn und Verdammnis verdient.