Der Große Katechismus Martin Luthers

Nach der Fassung des deutschen Konkordienbuches (Dresden 1580)

Das dritte Gebot

Du sollst den Feiertag heiligen

Feiertag haben wir genannt nach dem hebräischen Wörtlein Sabbat, welches eigentlich heißt "feiern", das ist müßig stehen von der Arbeit. Daher wir pflegen zu sagen" Feierabend machen" oder "heiligen Abend geben." Nun hat Gott im Alten Testament den siebenten Tag ausgesondert und aufgesetzt zu feiern und geboten, denselbigen vor allen andern heilig zu halten. Und dieser äußerlichen Feier nach ist dies Gebot allein den Juden gestellt, dass sie sollten von groben Werken stillstehen und ruhen, auf dass sich beide, Mensch und Vieh, wieder erholten und nicht von steter Arbeit geschwächt würden. Wiewohl sie es hernach allzu eng spannten und gröblich missbrauchten, dass sie auch an Christo lästerten und nicht leiden konnten solche Werke, die sie doch selbst daran taten, - wie man im Evangelio liest. Gerade als sollte das Gebot damit erfüllt sein, dass man gar kein äußerlich Werk täte; welches doch nicht die Meinung war, sondern lediglich die, dass sie den Feier- oder Ruhetag heiligten, wie wir hören werden.

Darum geht nun dies Gebot nach dem groben Verstand uns Christen nichts an, denn es ein ganz äußerliches Ding ist, wie andere Satzungen des Alten Testaments, an sonderliche Weise, Person, Zeit und Stätte gebunden, welche nun durch Christum alle frei gelassen sind. Aber einen christlichen Verstand zu fassen für die Einfältigen, was Gott in diesem Gebot von uns fordert, so merke, dass wir Feiertage halten nicht um der verständigen und gelehrten Christen willen, denn diese bedürfen nirgends zu, sondern erstlich auch um leiblicher Ursache und Notdurft willen, welche die Natur lehrt und fordert für den Gemeinden Haufen , Knechte und Mägde, so die ganze Woche ihrer Arbeit und Gewerbe gewartet, dass sie sich auch einen Tag einziehen, zu ruhen und erquicken. Darnach allermeist darum, dass man an solchem Ruhetage (weil man sonst nicht dazu kommen kann) Raum und Zeit nehme, Gottesdienstes zu warten; also dass man zu Haufe komme, Gottes Wort zu hören und handeln, darnach Gott loben, singen und beten.

Solches aber (sage ich) ist nicht also an Zeit gebunden wie bei den Juden, dass es müsse eben dieser oder jener Tag sein; denn es ist keiner an sich selbst besser denn der andere: sondern sollte wohl täglich geschehen, aber weil es der Haufe nicht warten kann, muss man je zum wenigsten einen Tag in der Woche dazu ausschießen. Weil aber von alters her der Sonntag dazu gestellt ist, soll mans auch dabei bleiben lassen, auf dass es in einträchtiger Ordnung gehe und niemand durch unnötige Neuerung eine Unordnung mache. Also ist das die einfältige Meinung dieses Gebotes: Weil man sonst Feiertag hält, dass man solche Feier anlege, Gottes Wort zu lernen; also dass dieses Tages eigentliches Amt sei das Predigtamt um des jungen Volkes und armen Haufens willen; doch das Feiern nicht so eng gespannt, dass darum andere zufälligen Arbeit, so man nicht umgehen kann, verboten wäre.

Derhalben wenn man fragt, was da gesagt sei: Du sollst den Feiertag heiligen? so antworte: Den Feiertag heiligen heißt soviel als heilig halten. Was ist denn heilig halten? Nichts anders denn heilige Worte, Werke und Leben führen; denn der Tag bedarf für sich selbst keines Heiligens, denn er ist an sich selbst heilig geschaffen; Gott will aber haben, dass er dir heilig sei. Also wird er deinethalben heilig und unheilig, so du heiliges oder unheiliges Ding daran treibst. Wie geht nun solches Heiligen zu? Nicht also, dass man hinter dem Ofen sitze und keine grobe Arbeit tue oder einen Kranz aufsetze und seine besten Kleider anziehe, sondern (wie gesagt) dass man Gottes Wort handle und sich darin übe.

Und zwar wir Christen sollen immerdar solchen Feiertag halten, eitel heiliges Ding treiben, das ist, täglich mit Gottes Wort umgehen, im Herzen und Mund umtragen.

Aber weil wir (wie gesagt) nicht alle Zeit und Muße haben, müssen. wir die Woche etliche Stunden für die Jugend oder zum wenigsten einen Tag für den ganzen Haufen dazu brauchen, dass man sich allein damit bekümmere und eben die zehn Gebote, den Glauben und Vaterunser treibe und also unser ganzes Leben und Wesen nach Gottes Wort richte. Welche Zeit nun das in Schwang und Übung geht, da wird ein rechter Feiertag gehalten. Wo nicht, so soll es kein Christenfeiertag heißen; denn feiern und müßig gehen können die Unchristen auch wohl, wie auch das ganze Geschwür unserer Geistlichen täglich in der Kirche steht, singt und klingt, heiligt aber keinen Feiertag, denn sie kein Gottes Wort predigen noch üben, sondern eben dawider lehren und leben.

Denn das Wort Gottes ist das Heiligtum über alle Heiligtümer, ja das einige, das wir Christen wissen und haben. Denn ob wir gleich aller Heiligen Gebeine oder heilige und geweihte Kleider auf einem Haufen hätten, so wäre uns doch nichts damit geholfen; denn es ist alles totes Ding, das niemand heiligen kann. Aber Gottes Wort ist der Schatz, der alle Dinge heilig macht, dadurch sie selbst, die Heiligen alle, sind geheiligt worden. Welche Stunde man nun Gottes Wort handelt, predigt, hört, liest oder bedenkt, so wird dadurch Person, Tag und Werk geheiligt, nicht des äußerlichen Werkes halber, sondern des Wortes halber, so uns alle zu Heiligen macht. Derhalben sage ich allezeit, dass  alle unser Leben und Werke in dem Wort Gottes gehen müssen, sollen sie Gott gefällig oder heilig heißen. Wo das geschieht, so geht dies Gebot in seiner Kraft und Erfüllung. Wiederum, was für Wesen und Werk außer Gottes Wort geht, das ist vor Gott unheilig, es scheine und gleiße, wie es wolle, wenn mans mit eitel Heiligtum behinge, als da sind die erdichteten geistlichen Stände, die Gottes Wort nicht wissen und in ihren Werken Heiligkeit suchen.

Darum merke, dass die Kraft und Macht dieses Gebotes steht nicht im Feiern, sondern im Heiligen, also dass dieser Tag eine sonderliche heilige Übung habe. Denn andere Arbeiten und Geschäfte heißen eigentlich nicht heilige Übungen, es sei denn der Mensch zuvor heilig. Hier aber muss ein solches Werk geschehen, dadurch ein Mensch selbst heilig werde, welches allein (wie gehört) durch Gottes Wort geschieht; dazu denn gestiftet und geordnet sind Stätte, Zeit, Personen und der ganze äußerliche Gottesdienst,  dass solches auch öffentlich im Schwang gehe.

Weil nun so viel an Gottes Wort gelegen ist, dass ohne dasselbige kein Feiertag geheiligt wird, sollen wir wissen, dass Gott dies Gebot streng will gehalten haben und strafen alle, die sein Wort verachten, nicht hören noch lernen wollen, sonderlich in der Zeit, so dazu geordnet ist. Darum sündigen wider dies Gebot nicht allein, die den Feiertag gröblich missbrauchen und verunheiligen, als die um ihres Geizes oder Leichtfertigkeit willen Gottes Wort nachlassen zu hören, oder in Tavernen liegen, toll und voll sind wie die Säue; sondern auch der andere Haufe, so Gottes Wort hören als einen andern Tand und nur aus Gewohnheit zur Predigt und wieder herausgehen, und wenn das Jahr um ist, können sie heuer so viel als fert. Denn bisher hat man gemeint, es wäre wohl gefeiert, wenn man sonntags eine Messe oder das Evangelium hätte hören lesen; aber nach Gottes Wort hat niemand gefragt, wie es auch niemand gelehrt hat. jetzt, weil wir Gottes Wort haben, tun wir gleichwohl den Missbrauch nicht ab, lassen uns immer predigen und vermahnen, hörens aber ohne Ernst und Sorge. Darum wisse, dass nicht allein ums Hören zu tun ist, sondern auch soll gelernt und behalten werden, und denke nicht, dass es in deiner Willkür stehe oder nicht große Macht daran liege; sondern dass Gottes Gebot ist, der es fördern wird, wie du sein Wort gehört, gelernt und geehrt habest.

Desgleichen sind auch zu strafen die ekligen Geister, welche, wenn sie eine Predigt oder zwei gehört haben, sind sie es satt und überdrüssig, als die es nun selbst wohl können und keines Meisters mehr bedürfen. Denn das ist eben die Sünde, so man bisher unter die Todsünden gezählt hat und heißet Akidia, das ist Trägheit oder Überdruss, eine feindselige, schädliche Plage, damit der Teufel vieler Herzen bezaubert und betrügt, auf dass er uns übereile und das Wort Gottes wieder heimlich entziehe.

Denn das lasse dir gesagt sein: Ob du es gleich aufs beste könntest und aller Dinge Meister wärest, so bist du doch täglich unter des Teufels Reich, der weder Tag noch Nacht ruhet, dich zu beschleichen, dass er in deinem Herzen Unglauben und böse Gedanken wider die vorigen und alle Gebote anzünde. Darum musst du immerdar Gottes Wort im Herzen, Mund und vor den Ohren haben. Wo aber das Herz müßig steht und das Wort nicht klingt, so bricht er ein und hat den Schaden getan, ehe mans gewahr wird. Wiederum hat es die Kraft, wo mans mit Ernst betrachtet, hört und handelt, dass es nimmer ohne Frucht abgeht, sondern allzeit neuen Verstand, Lust und Andacht erweckt, reines Herz und Gedanken macht; denn es sind nicht faule noch tote, sondern geschäftige lebendige Worte. Und ob uns gleich kein anderer Nutz und Not triebe, so sollte doch das jedermann dazu reizen, dass dadurch der Teufel gescheucht und verjagt, dazu dies Gebot erfüllt wird und Gott gefälliger ist denn alle anderen gleißenden Heuchelwerke.