Der Große Katechismus Martin Luthers

Nach der Fassung des deutschen Konkordienbuches (Dresden 1580)

Das zweite Gebot

Du sollst Gottes Namen nicht vergeblich führen

Gleichwie das erste Gebot das Herz unterweist und den Glauben gelehrt hat, also führt uns dies Gebot heraus und richtet den Mund und die Zunge gegen Gott. Denn das erste, so aus dem Herzen bricht und sich erzeigt, sind die Worte.

Wie ich nun droben gelehrt habe zu antworten, was da heiße einen Gott haben, also musst du auch den Verstand dieses und aller Gebote lernen einfältig fassen und von dir sagen .Wenn man nun fragt: Wie verstehst du das andere Gebot, oder was heißt Gottes Namen vergeblich führen oder missbrauchen? Antworte aufs kürzeste also: Das heißt Gottes Namen missbrauchen, wenn man Gott den HERRN nennt, welcherlei Weise es geschehen mag, zur Lüge oder allerlei Untugend. Darum ist so viel geboten, dass man Gottes Namen nicht fälschlich anziehe oder in den Mund nehme, da das Herz wohl anders weiß oder je anders wissen soll; wie unter denen oft geschieht, die vor Gericht schwören, und ein Teil dem anderen lügt. Denn Gottes Namen kann man nicht höher missbrauchen, denn damit zu lügen und trügen. Das lasse das Deutsche und leichtesten Verstand dieses Gebotes bleiben.

Aus diesem kann nun jedermann selbst wohl ausrechnen, wann und wie mancherlei Gottes Name missbraucht wird; wiewohl alle Missbräuche zu erzählen nicht möglich ist. Doch kürzlich auszurichten, geschieht aller Missbrauch göttlichen Namens erstlich in weltlichen Händeln und Sachen, so Geld, Gut, Ehre betreffen, es sei öffentlich vor Gericht, auf dem Markt oder sonst, da man schwört und falsche Eide tut auf Gottes Namen oder die Sache auf seine Seele nimmt. Und sonderlich ist solches viel ganghaftig in Ehesachen, da ihrer zwei hingehen, einander heimlich geloben und darnach verschwören. Allermeist aber geht der Missbrauch in geistlichen Sachen, die das Gewissen belangen, wenn falsche Prediger aufstehen und ihren Lügentand für Gottes Wort dargeben. Siehe, das heißt alles unter Gottes Namen geschmeckt oder schön sein wollen und recht haben, es geschehe in groben Welthändeln oder hohen subtilen Sachen des Glaubens und der Lehre. Und unter die Lügner gehören auch die Lästermäuler, nicht allein die gar groben, jedermann wohl bekannt, die da ohne Scheu Gottes Namen schänden (welche nicht in unsere, sondern des Henkers Schule gehören), sondern auch die die Wahrheit und Gottes Wort öffentlich lästern und dem Teufel geben; davon jetzt nicht Not, weiter zu sagen.

Hier lass uns nun lernen und zu Herzen fassen, wie groß an diesem Gebot gelegen ist, dass wir uns mit allem Fleiß hüten und scheuen vor allerlei Missbrauch des heiligen Namens als vor der höchsten Sünde, so äußerlich geschehen kann. Denn lügen und trügen ist an sich selbst große Sünde, wird aber viel schwerer, wenn man sie noch rechtfertigen will und sie zu bestätigen Gottes Namen anzieht und zum Schanddeckel macht, also dass aus einer Lüge eine zweifältige, ja vielfältige Lüge wird.

Darum hat Gott diesem Gebote auch ein ernstliches Drohwort angehängt, das heißt also: denn der HERR wird den nicht unschuldig halten, der seinen Namen vergeblich führt; das ist, es soll keinem geschenkt werden noch ungestraft abgehen. Denn sowenig er will ungerochen lassen, dass man das Herz von ihm wende, sowenig will er leiden, dass man seinen Namen führe, die Lügen zu beschönigen. Nun ist es leider eine Gemeinde Plage in aller Welt, dass ja so wenig sind, die nicht Gottes Namen zur Lüge und aller Bosheit brauchen, so wenig als ihrer sind, die allein von Herzen auf Gott vertrauen.

Denn diese schöne Tugend haben wir von Natur alle an uns, dass, wer eine Schalkheit getan hat, gern wollte seine Schande decken und schmücken, dass niemand es sähe noch wüsste; und ist keiner so verwegen, der sich begangener Bosheit vor jedermann rühme; wollens alle meuchlings getan haben, ehe mans gewahr wird. Greift man dann einen an, so muss

Gott mit seinem Namen herhalten und die Büberei fromm, die Schande zu Ehren machen. Das ist der Gemeinde Weltlauf, wie eine große Sintflut eingerissen in allen Landen. Darum haben wir auch zu Lohn, was wir suchen und verdienen: Pestilenz, Krieg, Teuerung, Feuer, Wasser, ungeraten Weib, Kinder, Gesinde und allerlei Unrat. Wo sollte sonst des Jammers so viel herkommen? Es ist noch große Gnade, dass uns die Erde trägt und nährt.

Darum sollte man vor allen Dingen das junge Volk ernstlich dazu halten und gewöhnen, dass sie dieses andere Gebot hoch vor Augen hätten, und wo sie es übertreten, flugs mit der Rute hinter ihnen her sein und das Gebot vorhalten und immer einbläuen, auf dass sie also aufgezogen würden nicht allein mit Strafe, sondern zur Scheu und Furcht vor Gott. So verstehst du nun, was Gottes Namen missbrauchen heiße, nämlich (aufs kürzeste zu wiederholen) entweder bloß zur Lüge und etwas unter dem Namen ausgeben, das nicht ist, oder zu fluchen, schwören, zaubern, und Summa, wie man mag, Bosheit auszurichten. Daneben musst du auch wissen, wie man des Namens recht brauche. Denn neben dem Wort, das er sagt: du sollst Gottes Namen nicht vergeblich brauchen, gibt er gleichwohl zu verstehen, dass man seiner wohl brauchen solle. Denn er ist uns eben darum offenbart und gegeben, dass er im Brauch und Nutz soll stehen. Darum schließt sich nun selbst, weil hier verboten ist, den heiligen Namen zur Lüge oder Untugend zu führen, dass wiederum geboten ist, ihn zur Wahrheit und allem Guten zu brauchen, nämlich so man recht schwört, wo es Not ist und gefordert wird. Also auch wenn man recht lehrt, weiter wenn man den Namen anruft in Nöten, lobt und dankt im Guten usw. Welches alles zu Hauf gefasst und geboten ist in dem Spruch Psalm 50,15: Rufe mich an zur Zeit der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen. Denn das heißt alles ihn zur Wahrheit angezogen und seliglich gebraucht, und wird also sein Name geheiligt, wie das Vaterunser betet.

Also hast du die Summa des ganzen Gebotes erklärt. Und aus diesem Verstand hat man die Frage leichtlich aufgelöst, damit sich viele Lehrer bekümmert haben, warum im Evangelio verboten ist zu schwören, so doch Christus, St. Paulus und andere Heiligen oft geschworen haben. Und ist kürzlich diese Meinung: Schwören soll man nicht zum Bösen, das ist zur Lüge, und wo es nicht not noch nütz ist, aber zum Guten und des Nächsten Besserung soll man schwören. Denn es ist ein rechtes, gutes Werk, dadurch Gott gepriesen, die Wahrheit und Recht bestätigt, die Lüge zurück geschlagen und Hader vertragen wird, denn Gott kommt selbst da ins Mittel und scheidet Recht und Unrecht, Böses und Gutes voneinander. Schwört ein Teil falsch, so hat er sein Urteil, dass er der Strafe nicht wird entlaufen. Und ob es eine Weile lang ansteht, soll ihm doch nichts gelingen, dass alles, so sie damit gewinnen, sich unter den Händen verschleiße und nimmer fröhlich genossen werde. Wie ich an vielen erfahren habe, die ihr eheliches Gelübde verschworen haben, dass sie darnach keine gute Stunde oder gesunden Tag gehabt haben und also beide, an Leib und Seele und Gut dazu, jämmerlich verdorben sind.

Derhalben sage und vermahne ich, wie zuvor, dass man die Kinder beizeiten angewöhne mit Warnen und Schrecken, Wehren und Strafen, dass sie sich scheuen vor Lügen und sonderlich, Gottes Namen dazu zu führen. Denn wo man sie lässt hingehen, wird nichts Gutes daraus, wie jetzt vor Augen, dass die Welt böser ist, denn sie je gewesen, und kein Regiment, Gehorsam, Treue und Glaube, sondern eitel verwegene, unbändige Leute, an denen kein Lehren noch Strafen hilft; welches alles Gottes Zorn und Strafe ist über solche mutwillige Verachtung dieses Gebotes. Zum andern soll man sie auch wiederum treiben und reizen, Gottes Namen zu ehren und stetig im Mund zu haben in allem, was ihnen begegnen und unter Augen stoßen mag. Denn das ist die rechte Ehre des Namens, dass man sich alles Trostes zu ihm versehe und ihn darum anrufe; also dass das Herz (wie droben gehört) zuvor durch den Glauben Gott seine Ehre gebe, darnach der Mund durch das Bekenntnis.

Solches ist auch eine selige, nützliche Gewohnheit und sehr kräftig wider den Teufel, der immerdar um uns ist und darauf lauert, wie er uns möchte zu Sünde und Schande, Jammer und Not bringen, aber gar ungern hört und nicht lange bleiben kann, wo man Gottes Namen von Herzen nennt und anruft, - und sollte uns mancher schrecklicher und gräulicher Fall begegnen, wo uns Gott nicht durch Anrufen seines Namens erhielte. Ich habe es selbst versucht und wohl erfahren, dass oft plötzlicher großer Unfall gleich in solchem Rufen sich gewendet hat und abgegangen ist. Dem Teufel zu Leid (sage ich) sollten wir den heiligen Namen immerdar im Munde führen, dass er nicht schaden könnte, wie er gern wollte.

Dazu dient auch, dass man sich gewöhne, sich täglich Gott zu befehlen mit Seel und Leib, Weib, Kind, Gesinde, und was wir haben, für alle zufällige Not. Daher auch das Benedicite, Gratias und andere Segen abends und morgens gekommen und geblieben sind. Weiter die Kinderübung, dass man sich segne, wenn man etwas Ungeheueres und Schreckliches sieht oder hört, und spreche: HERR Gott behüte! Hilf, lieber Herr Christe! oder dergleichen. Also auch wiederum, wenn jemand etwas Gutes ungedacht widerfährt, wie gering es auch ist, dass man spreche: Gott sei gelobt und gedankt, das hat mir Gott beschert usw. Wie man vormals die Kinder gewöhnt hat, S. Niklaus und andern Heiligen zu fasten und beten. Solches wäre Gott angenehm und gefälliger denn kein Klosterleben noch Karthäuser Heiligkeit.

Siehe, also möchte man die Jugend kindlicher Weise und spielens aufziehen in Gottesfurcht und Ehre, dass das erste und andere Gebot fein im Schwung und steter Übung gingen. Da könnte etwas Gutes bekleiden, aufgehen und Frucht schaffen, dass solche Leute erwüchsen, deren ein ganzes Land genießen und froh werden möchte. Das wäre auch die rechte Weise, Kinder wohl zu ziehen, weil man sie mit Gutem und Lust kann gewöhnen. Denn was man allein mit Ruten und Schlägen soll zwingen, da wird keine gute Art aus, und wenn mans weit bringt, so bleiben sie doch nicht länger fromm, denn die Rute auf dem Nacken liegt. Aber hier wurzelt es ins Herz, dass man sich mehr vor Gott denn vor Ruten und Knüttel fürchtet. Das sage ich so einfältig für die Jugend, dass es doch einmal eingehe; denn weil wir Kindern predigen, müssen wir auch mit ihnen lallen. Also haben wir den Missbrauch göttlichen Namens verhütet und den rechten Brauch gelehrt, welcher nicht allein in Worten, sondern auch in der Übung und Leben stehen soll, dass man wisse, dass solches Gott herzlich wohlgefalle und wolle es so reichlich belohnen, so gräulich als er jenen Missbrauch strafen will.