Einführung zur Orientierungshilfe „Der Gottesdienst“ auf der Pressekonferenz

Michael Beintker

12. Oktober 2009

Es gilt das gesprochene Wort!

Der Gottesdienst ist der Pulsschlag des christlichen Lebens. Nirgends wird deutlicher, wovon die christliche Gemeinde lebt und was sie trägt, als wenn sie sich an den dafür bestimmten Orten versammelt und ihre Gottesdienste feiert. Der Autorenkreis, der die Texte des vorzus-tellenden Buches entworfen, diskutiert und schließlich zu einem Gesamttext zusammengefügt hat, war auf jeden Fall von der zentralen Bedeutung des Gottesdienstes überzeugt. Keiner hätte einer Krise des evangelischen Gottesdienstes das Wort geredet! Bestimmend war die Freude am Gottesdienst als dem Ort, an dem sich die vielfältigen Begegnungen zwischen Gott und Mensch ereignen und zum öffentlich gewürdigten Ereignis werden.

So ist ein Buch entstanden, das zur Feier des Gottesdienstes ausdrücklich ermutigen möchte. Natürlich haben wir die Augen nicht davor verschlossen, dass gut besuchte Gottesdienste hierzulande nicht selbstverständlich sind und dass die Gottesdienstbesucher, die regelmäßig kommen, eine Minderheit darstellen. Andererseits nehmen im Verlauf des Jahres jedoch weit mehr von ihnen am Gottesdienst teil, als die an Durchschnittszahlen ausgerichtete Statistik erkennbar werden lässt. Die Gründe dafür kommen in diesem Buch zur Sprache, ebenso das, was man für die Gestaltung einladender Gottesdienste tun kann.

Wir haben uns gefragt: Wie können Gottesdienste so gestaltet werden, dass die Menschen sie nicht versäumen möchten, weil sie sich angesprochen fühlen und sich einbezogen wissen? Wie kann die Ausstrahlung des Evangeliums so zum Leuchten kommen, dass unsere Gottesdienste sogar für Menschen interessant werden, denen der christliche Glaube nichts mehr sagt? Die Frage nach der Qualität der Gottesdienste stellt sich heute in einer Intensität, die früheren Generationen unbekannt war. Gerade deshalb dürfen die Ansprüche an das Niveau der Gottesdienste in keinem Fall ermäßigt werden, nicht hinsichtlich der ästhetischen Qualität der Sprache und der Bewegungen, der Musik, der Kleidung und des liturgischen Geräts, und schon gar nicht hinsichtlich der Inhalte. Aber niemand braucht hier entmutigt zu sein. Wir können – sogar mit bescheidenen Mitteln – viel mehr tun, als wir vermuten. Wichtig ist vor allem, dass Gottesdienste so sorgfältig und liebevoll wie nur möglich vorbereitet werden. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten sich mindestens einen Tag in der Woche für die Gottesdienst-vorbereitung freihalten. Sie sollten die Gemeinde in die Vorbereitung, Gestaltung und Nach-bereitung der Gottesdienste ausdrücklich einbeziehen. Auf keinen Fall darf an der Kirchen-musik gespart werden. Am reichsten kann sich das gottesdienstliche Leben einer Gemeinde dort entfalten, wo es aus ihrem geistlichen Leben erwächst und ihr geistliches Leben inspiriert.

Man kann dieses Buch als eine kleine „Liturgik“ für die Gemeinde lesen, also als einen Leit-faden, der verlässlich und verständlich alle wichtigen Fragen aufnimmt und klärt, die mit der Feier des Gottesdienstes verbunden sind. Ich nenne einige Beispiele: Welche Einsichten er-wachsen aus der Geschichte des Gottesdienstes für seine heutige Feier? Weshalb vertragen unsere Gottesdienste kein starres Schema, aber auch keinen ständigen Wechsel von Formen und Abläufen? Weshalb können evangelische Christen einen Gottesdienst ohne Abendmahl feiern, ohne dass ihnen dabei etwas fehlt? Weshalb ist die musikalische Gestaltung so wichtig und weshalb wird großer Wert auf eine gute Predigt gelegt? Wer ist eigentlich für den Gottes-dienst verantwortlich – der Pfarrer, der Kirchenvorstand, die Gemeinde oder ...? Welche Im-pulse erwachsen aus dem Festkreis des Kirchenjahres? Darf der Bürgermeister zum Ernte-dankfest predigen? Wird der Gottesdienst „gehalten“ oder wird er „gefeiert“? Wie läuft der Gottesdienst ab und warum läuft er so ab, wie er abläuft? Gibt es so etwas wie ein gottes-dienstliches „Regiewissen für Gemeindeglieder“, mit dessen Hilfe sie sich die Theologie des Gottesdienstes erschließen können? Auf solche und ähnliche Fragen sucht dieses Buch zu antworten, immer so konkret und situationsbezogen wie nur möglich. Wer etwa den Abschnitt über den Ablauf des Gottesdienstes liest, wird auf alle Fälle ein neues Gefühl für den Reich-tum der liturgischen Formensprache entwickeln, er wird den Wechsel von Anrede und Ant-wort, von Gebet, Lobpreis und Fürbitte viel besser verstehen als vorher und deshalb auch ganz anders mitfeiern können als vorher. Wir hätten das Buch am liebsten anhand des Aufbaus eines sonntäglichen Gottesdienstes gegliedert – vom Eingangsvotum bis zum letzten Amen also –, haben dann aber diese Idee zurückgestellt, weil sie sich im Blick auf andere Themen, die auch zu behandeln waren, als etwas zu sperrig erwies.

Was ist eigentlich das Evangelische am christlichen Gottesdienst? Wir sagen: Schon im Wortgebrauch, nach dem evangelische Christen seit der Reformation das Wort „Gottesdienst“ bevorzugen, während Katholiken lieber den Ausdruck „Messe“ verwenden oder die Anglika-ner eher „worship“, Anbetung, sagen, ist eine Antwort auf diese Frage versteckt. Denn wer dient hier eigentlich wem? Die Antwort: Zuerst muss davon gesprochen werden, dass Gott den Menschen dient, die den Gottesdienst feiern. Diese Konzentration auf das Dienen Gottes an uns soll so etwas wie das evangelische Profil des christlichen Gottesdienstes sein. Bevor Menschen überhaupt dienen können, wendet sich Gott ihnen dienend zu. Sie sollen nach dem Gottesdienst reicher sein als vorher. Der Gottesdienst wird zu einem Fest, weil Menschen erwarten dürfen, von Gott etwas zu bekommen und die Nähe Gottes und die Gemeinschaft miteinander feiernd zu erleben. Wie ein Fest den Alltag unterbricht, so bildet die Feier des sonntäglichen Gottesdienstes den Höhepunkt der Woche. Er ist der Ort, zu dem wir alles tra-gen dürfen, was uns bewegt und an dem wir angenommen werden, mit allem, was wir mitb-ringen.