Predigt im ZDF-Fernsehgottesdienst in St. Marien zu Berlin

Wolfgang Huber

11. März 2007

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Wer mit Herz und Mund singt, liebe Gemeinde, bewegt nicht nur die Lippen. Dass dabei die Stimmbänder in Schwingung geraten, versteht sich von selbst. Unser Atem strömt mit dem Lied. Wir spüren das Kraftfeld der Melodie bis in die Haarwurzeln hinein. Das Lied erreicht unser Herz und erhebt unsere Seele; es verbindet uns mit denen, die mit uns singen. Und plötzlich wird uns klar: In diesem Lied liegt dein ganzes Leben, ja, du lebst für dieses Lied. Für diesen Augenblick, in dem du deine Stimme erhebst und singst. Jetzt und hier.

Heute feiern wir einen Menschen, der unseren Liedern Worte gibt. Gewiss brauchen Lieder mehr. Sie sind auf Melodien angewiesen; sie entfalten sich im mehrstimmigen Gesang. Aber sie brauchen auch einen Text. Paul Gerhardt, der vor vierhundert Jahren zur Welt kam, gab den Liedern Worte wie kein anderer. Hier in Berlin wirkte er erst als Hauslehrer, später als Pfarrer. Mittenwalde und Lübben waren weitere Stationen seines Wirkens in unserer Region. St. Nicolai hier ganz in der Nähe war seine wichtigste Predigtstätte.

Das war eine Zeit, die vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Grauen bestimmt war. Für Paul Gerhardt waren die Jahre von großem persönlichem Leid geprägt. Erst spät fand er zur Ehe; dann starben ihm die Frau und vier seiner fünf Kinder dahin. Aber er hielt fest an dem, was er besang: dass Gott uns das Leben schenkt und sich von unserem Kummer erweichen lässt.

Es wird berichtet, dass dieser geachtete Pfarrer seine dichterischen Fähigkeiten zunächst vor allem an Gelegenheitsreime wendete. Wir kennen das auch heute: Wenn ein Fest zu feiern ist, braucht man einen, der den Anlass des Festes in Reime fasst.

Bei Paul Gerhardt wäre es ein Jammer gewesen, wenn sein Dichten nur solchen Augenblicken verhaftet geblieben wäre. Deshalb war und bleibt es unser großes Glück, dass
er weiter ging und dem Glauben zum Lied verhalf. Denn damit verhalf er dem Leben zum Lied.

Wenn wir uns von Paul Gerhardts Liedern mitnehmen lassen, dann werfen wir unsere Seele über die Mauer der Gleichgültigkeit. Wir öffnen unsere Sinne für das, was uns trägt. Wir lassen uns zu etwas bewegen, was wir allein nie könnten. Gott so aus der Mitte unseres Lebens heraus zu loben, brächten wir alleine nicht zu Stande. So viele Stationen unseres Lebens im Licht der Güte Gottes zu sehen, gelänge uns niemals von selbst.

Doch damit das gelingt, müssen wir singen. Es ist an der Zeit, dass wir wieder den Mut zum Singen fassen. Paul Gerhardt kann diesen Mut in uns wecken.
Seine Lieder fangen oft mit etwas an, was wie eine Selbstüberredung klingt. Du, meine Seele, singe! Geh aus, mein Herz, und suche Freud! Und dann die Antwort im selbstgewissen Ich: Ich singe dir mit Herz und Mund!  Die Gewissheit des Glaubens, die aus solchen Liedstrophen spricht, ist nicht selbst gemacht, sie ist ein großes Geschenk.

Wer solche Lieder singt, legt sein Geschick in Gottes rettende Hand. Diese Gewissheit verbindet uns mit denen, die vor uns ihren Glauben besungen haben. Gemeinsam mit Moses und den Seinen stehen wir singend am rettenden Ufer. Mit ihnen jubeln wir über die gelungene Flucht durch das Schilfmeer. Aus vollem Hals preisen wir das Ende der Knechtschaft.

Wenn wir Gott mit unseren Liedern loben, dann treten wir neben Menschen, die vor uns waren. Nicht alle konnten in Freiheit leben. Hier in Berlin kommt uns der Dichter Jochen Klepper in den Sinn, der die Bedrückung durch das nationalsozialistische Regime nicht überstand. An seinem  36. Geburtstag, 1939,  notierte er in seinem Tagebuch: Jeden Tag ‚studiere’ ich ein Kirchenlied. Heute war, welch ein Geburtstagslied!, an der Reihe: ‚Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr meines Herzens Lust’ von Paul Gerhardt.

Ja, welch ein Geburtstagslied! Heute singen wir es für ein anderes Geburtstagskind, für den Dichter dieses Liedes selbst.
Am Ende aller Tage, so beschreibt es die Offenbarung des Johannes, stehen die getreuen Gefährten Jesu Christi am Ufer eines gläsernen Meeres:  und die den Sieg behalten hatten..., die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.

Die Vision einer Zukunft, in der alles so klar vor Augen liegt wie ein gläsernes Meer, bestimmt jeden christlichen Gottesdienst. Weil diese Zukunft noch aussteht, lässt Gott sich mit Bitten und Klagen bedrängen. Am besten im Lied, das Anrufung und Anbetung zugleich ist. So wichtig ist das Lied für den christlichen Glauben, dass wir uns auch die Engel singend und musizierend vorstellen – wie in einer „himmlischen Kantorei“. Und wenn in unseren Gottesdiensten die Kantorei von der Höhe herab singt, erleben wir etwas von dieser „himmlischen Kantorei“ schon jetzt. Darauf antworten wir gern mit unseren Liedern und schämen uns ihrer nicht, selbst wenn die Stimme brüchig ist oder wir die Melodie nur unvollkommen beherrschen. Denn das Lied bleibt nicht bei der Selbstüberredung; es erklingt zum Lob Gottes. Unser ganzes Leben erstrahlt dadurch in einem neuen Licht.

Über vierzehn Strophen hin haben wir das in diesem Gottesdienst schon erlebt. Ich singe dir mit Herz und Mund – so hebt das Lied an. Und nach dreizehn Strophen klingt es wie die Erfüllung dieser Ankündigung: Wohlauf, mein Herze, sing und spring / und habe guten Mut. Dieser Mut gründet in der Gewissheit, dass Gott sich in unsere Hände legt und unser Leben in seinen Händen birgt: Dein Gott, der Ursprung aller Ding, / ist selbst und bleibt dein Gut.

Erfahrungsgesättigt, schön und volkstümlich spricht Paul Gerhardt von Gott: Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil, / Dein Glanz und Freudenlicht, / Dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil, / Schafft Rat und lässt dich nicht.

Paul Gerhardts Loblied entdeckt die Spuren Gottes in unserer Welt. Seine schlichten Strophen helfen uns, dem Schöpfer fühlbar zu begegnen, ihm entgegen zu gehen. Durch alle Kreaturen hindurch redet Gott uns eindringlich und persönlich an – durch das Himmelszelt ebenso wie durch das fruchtbare Feld, durch Wind und Wetter, durch Leben und Frieden, durch Vergebung und Trost.

Dabei bleiben Leid und Schuld nicht ungesagt. Der Überheblichkeit dessen, der meint, auf Gott nicht angewiesen zu sein, tritt die Einsicht entgegen, wie viel Grund wir haben, uns zu grämen. Dem Unglück, das uns widerfährt, hält nur stand, wer weiß, bei wem er dieses Unglück abladen kann. Nimm deine Sorg und wirf sie hin / auf den, der dich gemacht. Trotziger hat noch keiner das Gottvertrauen ausgesprochen als in diesem drastischen Bild: Nimm deine Sorgen und wirf sie auf deinen Schöpfer!  Er allein verwandelt unser Leben in Segen.

Viele von uns sehnen sich nach einer tiefen Form der Hingabe. Wir sehnen uns nach der Begegnung mit Gott. Das Singen macht uns von innen her weit. Wer mit Herz und Mund singt, lernt, neu ins Leben zu gehen. Amen.