Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (Lukas 18,28-30)

Wolfgang Huber

04. September 2005, St. Marien und St. Matthäus zu Berlin

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Für viele Menschen gehören Umzüge zu den prägenden Erfahrungen des Lebens. Ich selbst habe das in meinem Leben zwölf Mal erlebt, die Studentenjahre gar nicht mitgerechnet. Zum Umzug gehört der unvergessliche Eindruck leerer Räume. Die Wohnung, die man verlässt, und die Wohnung, die man bezieht: in beiden Fällen der besondere Augenblick der Leere. Die Schritte hallen, weil kein Teppich, kein Möbelstück, kein Bild und kein Buch etwas vom Schall in sich aufnimmt. Zwischen der einen und der anderen Leere spannt sich die Frage auf: Was brauche ich wirklich? Sind die Sachen es wert, mit denen ich die Umzugskisten fülle? Wie vieles packe ich erneut ein, das ich seit dem letzten Umzug gar nicht gebraucht habe. Würde der Spielraum meines Lebens nicht unendlich wachsen, wenn ich mich an weniger binden würde? Es kann befreiend sein, unnötigen Ballast abzuwerfen und ihn zurückzulassen.

Doch die andere Frage stellt sich genauso: Was brauche ich? Was ist mir so wichtig, dass ich es nicht missen möchte? Kleider machen Leute; Bilder erzählen von meiner Geschichte; Bücher prägen meine geistige Welt. Vieles davon nehme ich mit, nicht weil es meinen äußeren Wohlstand dokumentiert, sondern weil es zu meinem inneren Wohlstand gehört, nicht weil ich es zur äußeren Ausstattung meiner Wohnung, sondern weil ich es für die innere Ausstattung meines Lebens brauche.

In diesen Tagen haben wir Menschen vor Augen, die alle äußere Ausstattung verloren haben. Katrina heißt der verharmlosende Name eines gewaltigen Unwetters, das den Süden der USA und dabei vor allem die Stadt New Orleans überzogen und über weite Strecken verwüstet hat. Am meisten betroffen sind die Ärmsten der Armen. Auch, ja gerade in einem reichen Land ist das so. Wer über Autos und eine Adresse anderswo verfügt, kann sich in Sicherheit bringen. Wer nicht weiß, womit er sich bewegen soll und auch nicht: wohin, bleibt vor Ort bis zur äußersten Lebensgefahr. Wenn alles zusammenbricht und fortgeschwemmt wird, sind Menschen plötzlich ganz und gar auf ihre Innenausstattung angewiesen. Dass sie auf Hab und Gut verzichten müssen, wird zur grausamen, ganz und gar unerwünschten Realität.

Wie es bei uns selbst und um uns her mit der eigenen Innenausstattung steht, tritt uns in diesen Tagen am erschreckenden Bild der inneren Verwahrlosung, die in unserem Land, in unserer Stadt, in meinem eigenen Stadtbezirk möglich ist. Viel ist in diesen Tagen über den schrecklichen Mord an dem siebenjährigen Christian aus Zehlendorf gesagt, geschrieben, gepredigt und gebetet worden. Wie Kinder besser gegen eine solche Untat gesichert werden können, beschäftigt viele. Aber auch die andere Frage ist nötig: Wie kann verhindert werden, dass junge Leute auf eine Weise heimatlos werden, die sie zu einer solchen Tat fähig macht. Wir begehren gegen die innere Verwahrlosung auf, die sich in einer solchen Tat zeigt. Junge Menschen zu begleiten, ihre Eltern und Großeltern in ihrer Erziehungsaufgabe stärken, der Jugendhilfe mehr Möglichkeiten zu geben, statt sie ihr zu nehmen: das sind Aufgaben, denen ich viel mehr Beachtung wünsche.

Wir brechen auf und finden doch Heimat; wir lassen Überflüssiges zurück, bleiben aber vor innerer Haltlosigkeit bewahrt. Darin zeigt sich die Grundspannung unseres Lebens. Jesus hat auf diese Grundspannung eine radikale Antwort gegeben. Im 18. Kapitel des Lukasevangeliums begegnet uns diese Antwort in der folgenden Form:

Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Ratlosigkeit über diesen Dialog kann ich gut nachvollziehen. Denn er beschreibt nicht unsere Situation. Wir wollen gern Christen sein; aber wir sind keine radikalen Wanderprediger. Wir versuchen, auf Gott zu vertrauen und ihm die Treue zu halten; aber wir verlassen dennoch nicht unsere Familien. Und wenn wir es tun, dann, weil – Gott sei’s geklagt – Zwietracht entstanden ist, nicht etwa weil wir mit zwölf anderen Männern durch die Deutschland ziehen und andere zur Umkehr rufen wollen. An Mobilität fehlt es uns heute nicht; aber auch Christen freuen sich daran, dass sie sich in ihrer heimischen Küche oder in ihrem Garten  zu Hause fühlen können.

Unsere Zeit „tickt“ anders als die Zeit Jesu. Aber ungewöhnlich war das Verhalten, zu dem er seine Jünger verleitete, schon damals. Die eigene Familie zu verlassen – in einer Zeit steigender Scheidungsraten hat das einen eigenen Klang. Das eigene Haus zu verlassen – schon wenn wir über die Grenzen Berlins hinaus nach Brandenburg schauen, gewinnt diese Vorstellung eine neue Bedeutung. Denn dort vollzieht sich gegenwärtig eine Bevölkerungsabwanderung von derart dramatischen Ausmaßen, dass brandenburgische Politiker bereits Vergleiche mit dem Dreißigjährigen Krieg ziehen. In einer solchen Situation würden sich wohl viele eher ein Wort wünschen, das zum Bleiben ermutigt.

Ja, es ist viel, was Petrus um der Himmelsherrschaft Gottes willen zurückgelassen hat. Es geht um mehr als den Umzug von einer Wohnung in die andere. Die Sehnsucht nach dem verlässlichen Lebensgrund klingt durch. „Gib mir einen festen Grund, und ich hebe die Welt aus den Angeln.“ Das Fundament des eigenen Lebens soll ein archimedischer Punkt werden – stark und verlässlich.

So stellt sich die Frage aber auch uns: Worauf verlassen wir uns; und was lassen wir dafür zurück? Was ist für unsere Innenausstattung entscheidend; und was an unserer äußeren Ausstattung ist dafür entbehrlich? Wer sein Leben ändert, der wird etwas davon haben – im Hier und Jetzt genauso wie in der Ewigkeit.

Dass wir uns nur um uns selber sorgen, das ist der Ballast, von dem wir frei werden sollen. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Das ist der Grundton dieses Sonntags. Fragt nicht nur nach Essen und Kleidung; denn euer Leben ist mehr als Essen und Kleidung. Das gehört zum Kern der Lebensweisheit Jesu.

Ich schöpfe aus diesen Quellen die Ermutigung, dass ich meine Sorgen Gott ruhig anvertrauen kann. Ich muss nicht alle Sorgen und Nöte selbst schultern. Ich trage nicht nur, ich werde getragen. Jesus, der sein Kreuz auf sich genommen hat, wird auch mich tragen können. Das hilft mir dazu, dass ich auch anderen beim Tragen helfen kann.

Aber es bleibt die bohrende Frage, was wir zurücklassen, um in die Nachfolge Christi einzutreten, wird uns gestellt. Wirklich Haus, Frau oder Mann und gar die Kinder? Die Gegenfrage drängt sich doch auf: Steht nicht ein Ehepaar, das vier Kinder bekommt und mit ihnen das Leben gestaltet, eher in der Nachfolge Jesu Christi steht als einer, der von solchen Bindungen gar nichts wissen will?

Der junge Martin Luther hat sich im Jahre 1517 zu dem Dialog zwischen Jesus und Petrus geäußert und ihn in einem übertragenen Sinn ausgelegt. Er sagte: „Darum muss man das Verlassen geistlich verstehen. Es muss innerlich im Geist vor Gott im Verborgenen geschehen, äußerlich soll man [Ehepartnern, Kindern und Eltern] aufs höchste anhangen und sich unter sie mengen.“ [WA 1,26]  Auf diese Weise könnte unser Predigttext neu zu sprechen beginnen.

Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Auch ich will dieses Wort in einem übertragenen Sinn verstehen. Das Zurücklassen des Hauses kann ein Aufbrechen aus den gewohnten Lebens- und Denksystemen zu neu gewonnener Freiheit meinen. Wer aufbricht, um die unverstellte Weite des Horizonts zu suchen, lebt anders als ein Mensch, der sich daheim gegen die unliebsame Welt abschottet. Wer es wagt, gewohnte Grenzen zu überschreiten, bekommt neuen Boden unter die Füße. Der Verzicht auf das ewig Gleiche, das Hirn und Herz einschläfert, kann fröhlich machen und beleben. Die Freude daran, neugierig zu sein, weil es das Leben bereichert, kann Menschen beflügeln und körperlich, geistig und seelisch voranbringen.

Das Zurücklassen der Brüder lässt sich verstehen als der Aufbruch von den Tischen der Gesinnungsgenossen beiderlei Geschlechts, mit denen man sich wohlig in gemeinsamen Überzeugungen aalt und jede Verunsicherung mit dem Anlegen von Scheuklappen beantwortet.

Das Zurücklassen der Eltern kann bedeuten, sich von den Überich-Prägungen der Kindheit zu befreien, um zur Verantwortung fähig zu werden. Prägende Weltbilder und Werte, Einstellungen und Verhaltensmuster der Elterngeneration  sind nicht immer richtig. Man muss auch hinausgehen über das, was einem beigebracht wurde. Nur in diesem Abenteuer der Freiheit wird man ein ganzer Mensch.

Zu den Kindern, die man getrost zurücklassen kann, zähle ich bestimmte Lieblingsideen und Ziele, die verbissen und möglicher Weise ohne Sinn und Verstand hochgehalten werden. Was für eine Befreiung, einmal innezuhalten, nicht nur in eine Richtung zu rennen, sondern Alternativen zu bedenken.

Das Zurücklassen von Frau oder Mann will ich heute so verstehen: Bei aller Bindung an einen Menschen und in aller Treue zu ihm steht jeder von uns auch in der Pflicht, eine eigene Persönlichkeit zu sein. Noch so aufopferungsvolle Abhängigkeit von einem andern kann einen Menschen zerstören und seine Gaben verkümmern lassen. Übertriebene „Ja Schatzi“- Hingabe ist kein christliches Lebensideal. Wer zu echten Beziehungen fähig sein soll, muss „Ich“ sagen können. Verlangt ist Askese gegenüber den vorgegebenen Bildern, die Frauen und Männer unsinnig unter Druck setzen. Eine mentale Anpassung an das Niveau von Dschungelshows ist kein Lebenshorizont.

Fürchte Dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, Du bist mein. Der lebendige Gott ruft uns in die Nachfolge, damit unsere Freiheit gewahrt bleibt. Er ruft uns ins Gedächtnis, dass wir zur Freiheit berufen sind. So besteht denn in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat. Amen.