Zum geistlichen Leben in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg

Wolfgang Huber

24. Mai 2003, Hoyerswerda

I.
Die Einladung zum heutigen Abend hat mich schon im Vorfeld mit Freude erfüllt. Ich sehe es als ein gutes Zeichen auf einem gemeinsamen Weg an, wenn das Gespräch zwischen der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz und der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg sich nicht nur auf Strukturen und Finanzen, auf Amtsbezeichnungen und Synodenzusammensetzungen beschränkt, sondern zum Kern dessen vordringt, was uns verbindet: zum geistlichen Leben und zum Auftrag der Kirche.

Über den Auftrag der Kirche durfte ich schon vor etwas mehr als zwei Jahren, am 24. März 2001, vor Ihrer Landessynode sprechen. Die Versammlung um Wort und Sakrament zu ermöglichen, missionarische Ausstrahlung und diakonische Zuwendung zu ermöglichen, der jungen Generation den Zugang zum Glauben zu ermöglichen: so habe ich damals diese Aufgabe beschrieben. Von der Kirche als Institution habe ich damals gesagt, sie sei eine Verantwortungsgemeinschaft zur Weitergabe des Evangeliums an die nächste Generation.

Daran will ich heute anknüpfen und versuchen, in einigen Streiflichtern die geistliche Lage und das geistliche Leben in unserer berlin-brandenburgischen Kirche zu beschreiben. Dabei will ich Schönfärberei genauso vermeiden wie Schwarzmalerei. Ein wahrheitsgetreues Bild lebt von den Zwischentönen – auch wenn diese sich nicht so leicht in Schlagzeilen umsetzen lassen wie die Übertreibungen in der einen oder in der anderen Richtung. Doch um der Wahrheit willen vermeidet man lieber die Sensationshascherei. Wer die Lage der Kirche beschreiben will, muss sich der Zweideutigkeit unserer Welt stellen, in der auch die Kirche lebt. Schon der Apostel Paulus hat die zweischneidige Lage präzise beschrieben. Er hat den großen Schatz des Evangeliums wieder und wieder zur Sprache gebracht; aber er wusste zugleich, dass wir diesen Schatz nicht anders als in irdenen Gefäßen haben. Und er hat das hohe Lied der Liebe gesungen; aber er hat zugleich gesagt, dass wir einstweilen noch wie in einem Spiegel ein oft undeutliches Bild vor Augen haben. Als die Unbekannten und doch bekannt, betrübt aber alle Zeit fröhlich, mitten hindurch durch üble Nachrede und Lobhudelei, arm und doch viele reich machend: so hat der Apostel die christlichen Gemeinden der ersten Generationen vor zwei Jahrtausenden gesehen. Das war eine weitsichtige Betrachtungsweise; sie trifft auch heute noch zu. In solchen zweischneidigen Beschreibungen geht es nicht um Alternativen, sondern um das spannungsvolle Miteinander von Gegensätzen. Anders ist die Lage der real existierenden Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg auch nicht zu sehen. Wir sind evangelisch aus mehr oder weniger gutem Grund.

In einer Vorstellung seines Sprengels, der damaligen Kurmark, machte Generalsuperintendent Otto Dibelius, später der erste Bischof unserer Kirche, seinen Märkern seinerzeit einige zweifelhafte Komplimente. Sie hätten, so sagte er im Jahr 1932, die Christianisierung ihrer Heimat mit erstaunlichem Gleichmut begleitet und mit nur mäßigem Interesse zugesehen, wohin sich die Waage neigte, zu Christus oder zu Triglaf. Die religiöse Unaufgeregtheit habe sich durch die Reformationszeit, den Streit der Konfessionen, die Bildung der preußischen Union bis zur Gegenwart gehalten; bis zum heutigen Tag würden die Märker „den Kampf des Herzens mit dem lebendigen Gott“ am liebsten dem Pfarrer überlassen.

Ein Generalsuperintendent unserer Tage – Hans-Ulrich Schulz, Generalsuperintendent des heutigen Sprengels Neuruppin – hat diese Beobachtungen von Otto Dibelius aufgenommen und hinzugefügt: „Dieser merkwürdigen märkischen Volkskirche konnten – zugespitzt gesagt – auch 40 Jahre DDR nichts anhaben. Der Immunität gegen religiöse Übertreibungen, gegen hitzige Erweckungen, die hierzulande nicht stattgefunden haben, entsprach eine gewisse Immunität gegen atheistische Propaganda. Als wir in der Frühzeit der DDR ohne Gott und Sonnenschein die Ernte einbringen sollten, antwortete märkische Volksfrömmigkeit mit dem Spottvers: Ohne Sonnenschein und Gott geht die LPG bankrott. Das war für unsere Verhältnisse schon ein Glaubensbekenntnis. Auch ein schwächelnder Glaube ist noch stark genug, sich lustig zu machen über den Hochmut.“ Und Schulz beschreibt seine Dankbarkeit für das Aufwachsen in einer solchen Kirche, die vor allem im ländlichen Bereich eine einmalige religiös-kulturelle Monopolstellung besaß: „Ein ländliches Pfarramt war Jugendclub und Seniorenfreizeitstätte, Reisebüro und Bibliothek. Meine Kirche war der Ort für die gesellschaftlichen Tabuthemen und die persönlichen Gewissensfragen. Viele sind ‚in der Kirche geblieben’. Aus Glaubenstreue, Trotz, Opposition, Tradition. Oder weil man es der Oma nicht antun konnte, auszutreten. Evangelisch aus gutem Grund hat viele Aspekte.“ Und Schulz schließt daraus: „Unter dem kargen religiösen Boden dieser Streusandbüchse müssen wir den Reichtum ausmachen. Brandenburg ist eine kirchlich gemäßigte Zone mit einem ganz eigenen Glaubensdialekt: meine Heimat.“

Die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West, in Land und Stadt bringen wir heute ein in einen Versuch, nicht wehleidig, sondern selbstbewusst Kirche zu sein und die heutigen Aufgaben zu meistern, so schlecht und recht wir das eben können. Äußerlich betrachtet kann man die Lage so beschreiben: Die Ressourcen werden immer knapper (von richtiger Armut kann natürlich keine Rede sein) – die Aufgaben werden immer größer. Gut 1,2 Millionen Menschen gehören in Brandenburg und Berlin unserer Kirche an, ein knappes Viertel der Gesamtbevölkerung. In West-Berlin sind das über 30, in Ost-Berlin unter 10, in Brandenburg ungefähr 25 % der Bevölkerung. Nach wie vor sterben mehr Glieder unserer Kirche als getauft werden; und es treten mehr Menschen aus der Kirche aus, als im Erwachsenenalter eintreten. Die Wanderungsbewegungen, die wir erleben, verbessern die Alterspyramide nicht, trotz der Hauptstadtrolle Berlins. Die Kirche kann sich also, wie unser Beauftragter für Mission Hans-Georg Filker einmal gesagt hat, nicht biologisch regenerieren. Zu ihrer Glaubenszuversicht muss es deshalb auch gehören, dass sie Menschen gewinnt, die nicht in die Kirche hinein geboren sind. Dabei wissen wir auch, dass die Menschen die Kirche zwar massenhaft verlassen haben, aber nur als einzelne zurückzugewinnen sind.

Wir haben auf diese Situation in doppelter Weise reagiert: durch pingelige Haushalterschaft und durch ein Ja zu der Wahrheit, dass wir Kirche in missionarischer Situation sind. Pingelige Haushalterschaft hat uns vor der Lage bewahrt, in welche die Erzdiözese Berlin inzwischen geraten ist: kreditfinanzierte Personalstellen abbauen zu müssen. Das Ja zur missionarischen Situation hat uns dabei geholfen, uns auf den Kern unseres Glaubens zu besinnen. In zehn Thesen zum Jahr 2000 haben wir zur Sprache gebracht, was uns an unserem Glauben wichtig ist. In Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation haben wir ein Bild von der christlichen Gemeinde entworfen, die nicht nur für sich selbst da ist, sondern für die Menschen, unter denen sie lebt und wirkt. Denn auch für sie gilt die befreiende Wahrheit des Evangeliums. Mit äußerst bescheidenen finanziellen Mitteln haben wir einen „Fonds Missionarischer Aufbruch“ gebildet und versuchen, Initiativen zu fördern, die unserem missionarischen Auftrag eine neue Gestalt geben – in Stadt und Land. Das Berufsbild der Pfarrerin und des Pfarrers haben wir in einem zweieinhalbjährigen Prozess diskutiert und stehen unmittelbar vor dem Schritt, die Leitlinien für den Beruf der Pfarrerin und des Pfarrers nun auch in der Kirchenleitung zu verabschieden. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Kirche einen Schuss von geistlichen Frischzellen brauchen kann. Das Glück der Eheschließung mit einer unserer Pfarrerinnen hat einen Schweizer Theologen in unsere Kirche geführt, mit dem wir nun eine solche Erneuerung des geistlichen Lebens versuchen wollen. Der etwas andere Dialekt kann, so meinen wir, unseren „Glaubensdialekt“ bereichern. Der Gottesdienst liegt uns in all seinen Gestalten und Formen am Herzen. Gerade sind wir dabei, Pfarrerinnen und Pfarrer dazu zu motivieren, sich der kirchlichen Bestattung, die heute auf einen starken Wandel der Bestattungskultur stößt, mit neuer Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Es ist Bewegung da, aber vieles entwickelt sich langsamer, als sich wünschen ließe.

II.
Und solche Vorstöße treffen auf ganz unterschiedliche Bedingungen in Stadt und Land. Denn von der Situation unserer Kirche zu sprechen, heißt die – mindestens – fünf unterschiedlichen Bereiche zugleich in den Blick zu nehmen, in denen unsere Kirche existiert. Ich hoffe, Sie verzeihen mir die Vergröberung des Bildes, wenn ich sie kurz charakterisiere; dabei mache ich Gebrauch von Beobachtungen, die unser Beauftragter für Mission Hans-Georg Filker unserer Synode vorgetragen hat.

1. Das Westberliner (Innenstadt-)milieu: Die Kinder der „68er“ bekommen Kinder, die nicht mehr getauft werden, deren Eltern nicht mehr getauft worden sind und deren Großeltern aus der Kirche austraten. Die Zahl derer ist nicht unbeträchtlich, die mitten im Westen Berlins keinem Christen mehr in ihrem persönlichen und familiären Umfeld begegnen. Hier sind drei Generationen anzusprechen. Zu dieser Gruppe gehört ein nicht unerheblicher Teil der Meinungsbildner in Berlin, in den Medien, Parteien, Schulen, in Wirtschaft und Verbänden. Wir fragen uns derzeit, wie missionarische Arbeit aussehen müsste, die darauf zielt, in den nächsten zehn Jahren mindestens 10.000 Menschen aus dieser Gruppe die Chance zu eröffnen, den christlichen Glauben kennen zu lernen und Christ zu werden. Denn wir beobachten zugleich, dass Angehörige dieser Gruppe durchaus „religiös musikalisch“ sind. Sie fragen nach dem Beitrag der Kirche zum Leben in der Stadt. Sie kommen in Gottesdienste zu besonderen Ereignissen, die sie erschüttert haben. Sie leisten ihren Beitrag dazu, dass der Besuch der Gottesdienste in Berlin zunimmt. Noch nie hatten wir so viele Menschen in den Ostergottesdiensten wie in diesem Jahr.

2. Die Plattenbaubewohner im Osten Berlins. Als Beispiel mag Hellersdorf dienen, der Stadtteil mit dem zweithöchsten durdchschnittlichen Haushaltseinkommen in Berlin, nach Zehlendorf und noch vor Reinickendorf (für Kenner gesagt). Es ist in ganz Europa der Stadtteil mit dem größten Anteil Jugendlicher überhaupt. Von den 130 000 Einwohnern gehören 3500 zur evangelischen Gemeinde; der Rest ist keineswegs katholisch – aber 3000 Mitglieder zählt die katholische Gemeinde. Den Freikirchen oder anderen Religionen gehört nur eine verschwindende Zahl von Hellersdorfern an. Auch hier fragen wir uns: Wie müsste eine Gemeindearbeit aussehen, die in den nächsten zehn Jahren mindestens 10 000 Hellersdorfern die Chance eröffnen würde, den christlichen Glauben kennen zu lernen und Christ zu werden?

3. Der Speckgürtel: Die Gemeinden am Stadtrand diesseits und jenseits der offiziellen Grenze Berlins sind ein Bereich für sich. Neubau und Zuzug sind kennzeichnend. Viele Gemeinden sind gewachsen; Kinder- und Jugendarbeit erleben eine neue Blüte; Konfirmandenarbeit hat ein erstaunliches Gewicht – auch wenn in den Zeitungen nach wie vor mehr über die Jugendweihe zu lesen ist. Die Berührungsängste der alteingesessenen Gemeinden waren zunächst groß; inzwischen ist man sich näher gekommen. Manche Zuzügler aus dem Westen entdecken hier ihren Glauben neu; er wird ihnen stärker bewusst als in der vermeintlichen Selbstverständlichkeit des Glaubens im Westen Deutschlands. Umbruchsituationen bergen in sich die Möglichkeit des Neuanfangs. Wir machen uns Sorgen, dass wir darauf nicht intensiv genug reagieren (können).

4. Die brandenburgischen Mittelstädte zeichnen sich oft durch eine oder sogar mehrere auch finanziell lebens- und leistungsfähige Gemeinden aus. Diejenigen, die sich zur Gemeinde halten, sind schon lange miteinander verbunden. Manchmal ist die Beziehung zu den „anderen“ durch klare Abgrenzungen bestimmt. Man erinnert sich noch, wie sie vor 1989 zur Kirche standen; ein neues Interesse, wo es denn besteht, nimmt man ihnen nur zögernd ab. Soll es dabei bleiben? Braucht man für diese Menschen ein Zweites Programm? Gibt es dafür Interesse, wo finden sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür?

5. Die dörflichen Regionen Brandenburgs. Ich bin ein Liebhaber der brandenburgischen Dörfer, ihrer Gemeinden und ihrer Dorfkirchen. Ich liebe sie vor allem im Sommer, wenn man mit den Gemeinden herzhafte Gottesdienste feiert und danach auf dem Kirchhof oder im Pfarrgarten einen ebenso herzhaften Kuchen isst. Der „Brandenburgische Dorfkirchensommer“ gehört zu den festen Institutionen. Die über 100 Fördervereine, die sich die Erhaltung von Dorfkirchen angelegen sein lassen, sind ansteckend. Ihre Zahl wächst und wächst. Aber die pastorale Versorgung wird dünn und dünner; die Bevölkerungsentwicklung erzwingt das. Städtische Gemeindeaufbaumodelle sind nicht anwendbar. Das Pfarramt nimmt Reisecharakter an. Gottesdienstkerne vor Ort müssen ihm unbedingt zur Seite treten. Eine Arbeitsgruppe unserer Kirchenleitung hat das in einer Konzeption über „Evangelische Kirche im ländlichen Brandenburg auf dem Weg zum Jahr 2010“ dargelegt. An manchen Orten finden diese Überlegungen ein Echo. Dort findet man die Kirchen geöffnet, auch unter der Woche; man spürt, dass man in einer betenden Kirche lebt. Das Konzept der „Wegkirchen“ wird umgesetzt. Daraus entwickelt sich eine Anziehungskraft eigener Art.

III.
In einer Kirche, die so unterschiedliche Gestalten von Gemeinde vereinigt, sind auch unterschiedliche Frömmigkeitsformen anzutreffen. Neben Gemeinden, in denen ein wichtiger Teil der Gemeindearbeit sozialpädagogischen Charakter trägt, stehen andere, die sich um eine Erneuerung der Spiritualität bemühen – „Exerzitien im Alltag“  ist dafür ein Stichwort. Neben Gemeinden, die sich um eine „hochkirchliche“ Erneuerung der Liturgie bemühen, stehen Stadtmissionsgemeinden, die in erstaunlichem Umfang von jungen Familien geprägt sind und in denen man nicht genau wissen kann, was liturgisch im nächsten Augenblick geschehen wird. Neben Gemeinden, die gerade in den letzten Monaten die Sorge um den Frieden in die Mitte der Gemeindearbeit rückten, stehen andere, die sich in der politischen Stellungnahme zurückhalten. Neben Gemeinden, in denen die Bewahrung des Ererbten im Vordergrund steht, gibt es andere, die sich auf neue Herausforderungen einlassen – manchmal auch wagemutig oder unvorsichtig.

Zwei Beispiele für solches Vorpreschen haben in den letzten Monaten die Zeitungsredaktionen erreicht und für einige Unsicherheit gesorgt. Das eine Beispiel hat mit der Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentags zu tun. In seinem Programm sind – auf katholische Intervention hin – ökumenische Abendmahlsgottesdienste nicht vorgesehen. Denn nach der katholischen, durch den Papst am Gründonnerstag bekräftigten Auffassung ist die katholische Messfeier nur für Katholiken zugänglich, die die Autorität des Papstes anerkennen und die Leitung der Eucharistie durch einen in apostolischer Sukzession geweihten Priester für notwendig halten. Nach evangelischer Auffassung ist die Notwendigkeit des Weihepriestertums dagegen aus dem Neuen Testament nicht zu entnehmen. Die Leitung durch eine ordinierte Pfarrerin oder einen ordinierten Pfarrer gewährleistet die Treue zur biblischen Überlieferung in der Feier des Heiligen Abendmahls, begründet aber keinen Ausschluss von getauften Christen von dieser Feier. Denn zu ihr lädt Jesus Christus als der lebendige Herr selbst ein; seine Einladung ist wichtiger als die konfessionellen Unterschiede im Verständnis des kirchlichen Amts. Diese Differenz ließ sich in der Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentags nicht überwinden; mit ihr muss man deshalb offen und sensibel zugleich umgehen.

Die eucharistische Gastbereitschaft, die auf evangelischer Seite gilt, bleibt natürlich auch für den Ökumenischen Kirchentag bestehen, auch wenn sie nicht in einer Weise vorgebracht wird, die die Gewissen belasten könnte. Die in der katholischen Kirche geltenden Regeln werden in ökumenischem Respekt geachtet.

Eine evangelische Gemeinde wurde nun von katholischen Initiativgruppen um die Durchführung eines gemeinsamen Projekts gebeten, das jeweils einen evangelischen und einen katholischen Abendmahlsgottesdienst einschließt, die in einen größeren ökumenischen Zusammenhang eingebettet sind und die offene Einladung der jeweils anderen Konfession einschließen sollen. Die Verpflichtung gegenüber einem ökumenischen Basisprozess galt dieser Gemeinde mehr als die Rücksichtnahme auf Verständigungen zwischen den Kirchen, die sicher stellen sollen, dass der Ökumenische Kirchentag in seinem Ergebnis zu einem ökumenischen Fortschritt führt und nicht am Ende ökumenische Rückschritte auslöst. Im Gespräch mit dieser Gemeinde konnten Klärungen erreicht werden, die sich – so hoffe ich – beim Ökumenischen Kirchentag selbst bewähren werden.

Ein anderes Beispiel ist  die Frage nach der geistlichen Begleitung von Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Sie wird in der Regel sehr verkürzend unter der Frage nach der Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften diskutiert. Durch die Möglichkeit der standesamtlichen Registrierung solcher Lebensgemeinschaften, die seit dem 1. August 2001 gegeben ist, hat die Diskussion einen erneuten Auftrieb erhalten. Unsere Kirchenleitung hat auf entsprechende synodale Anfragen hin den Stand der kirchlichen Urteilsbildung erläutert und dabei insbesondere klar gestellt, dass eine gottesdienstliche Handlung, die mit der kirchlichen Trauung oder einem Gottesdienst aus Anlass der Eheschließung vergleichbar wäre, auf keinen Fall in Frage kommen kann. Die Synode hat auf dem Hintergrund eines Votums ihres Theologischen Ausschusses diese klare Unterscheidung akzeptiert, zugleich aber ermöglicht, dass Christen, die in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft leben, eine Andacht mit Segenszuspruch erbitten können. Ob dieser Bitte entsprochen wird, entscheidet der Gemeindekirchenrat. Keine Gemeinde wird gegen ihr eigenes Votum zu solchen Andachten angehalten; die fortbestehenden Unterschiede in der Beurteilung der biblischen Aussagen zur Homosexualität werden in vollem Umfang gewürdigt.

Als Bischof habe ich dazu gemahnt, dass wir die Spannung, in die uns dieses Thema versetzt, miteinander aushalten, dass wir in der notwendigen Auseinandersetzung über dieses Thema einander festhalten – und das heißt auch: dass wir dieses Thema nicht zum einzigen Maßstab der unter uns möglichen und gelebten Gemeinschaft machen

Die Spannung liegt im Thema selbst. Wir müssen einerseits klar und unzweideutig festhalten: Es gibt keinen biblischen Beleg dafür, dass Homosexualität irgendwo in eine positive Beziehung zum Willen Gottes gebracht wird. Paulus, um nur dieses eine Beispiel zu zitieren, sieht in der homosexuellen Praxis eine Folge aus der Gottlosigkeit der Heiden, eine Konsequenz ihres Götzendienstes: „Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen“ (Römer 1, 26 f.). Das sind deutliche Worte, die in einigen weiteren Stellen des Alten wie des Neuen Testaments ihre Entsprechung haben.

Freilich gebietet es die Redlichkeit, darauf hinzuweisen, dass es Menschen gibt, die ihre gleichgeschlechtliche Neigung nicht als ein Vertauschen oder Verlassen verstehen, sondern als eine sexuelle Orientierung, zu der sie keine Alternative sehen. Ich äußere mich zu der Frage, ob eine homosexuelle Orientierung veränderbar ist, nicht; ich stelle nur fest, dass es Menschen gibt, die sie als vorgegeben erfahren und einschätzen. Die Redlichkeit gebietet auch festzustellen, dass es Christinnen und Christen gibt, Glieder unserer Gemeinden, die keine Heiden sein wollen und ihre sexuelle Orientierung nicht als Götzendienst ansehen. Wie wir ihnen begegnen, ist eine Frage, der wir nicht ausweichen können. Und schließlich gebietet die Redlichkeit festzustellen: Auch wenn die Bibel keinen positiven Bezug des Willens Gottes zur gleichgeschlechtlichen Lebensweise erkennen lässt, gibt es Formen, dieser sexuellen Orientierung Gestalt zu geben, die ethisch verantwortlicher sind als andere. Eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft, die von wechselseitiger Verlässlichkeit und Verantwortung geprägt ist, verdient unter ethischem Gesichtspunkt den Vorrang vor einer gleichgeschlechtlichen Praxis mit wechselnden Partnern. Auch unter diesem Gesichtspunkt verdienen Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften leben, geistliche Begleitung.

Diese geistliche Begleitung muss jede Verwechselbarkeit mit der Ehe ausschließen. Die Gemeinschaft von Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen können, ist die nach Gottes Willen ausgezeichnete und hervorgehobene Lebensform. Die Auszeichnung, die ihr biblisch zuerkannt wird, findet in der kirchlichen Trauung ihre Entsprechung. Die geistliche Begleitung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften kann in keinem Fall die Form einer Amtshandlung annehmen. Die Kirchenkonferenz der EKD hat die Übereinstimmung an diesem Punkt nachdrücklich bekräftigt. Vor allem aber bleibt es dabei, dass es einer Klärung und Entscheidung innerhalb der einzelnen Gemeinde bedarf, wenn zu einer solchen geistlichen Begleitung etwa in Form einer Fürbittandacht kommen soll. Keine Gemeinde wird durch den Beschluss der Landessynode vom vergangenen November zu etwas veranlasst oder gar genötigt, was ihrem Verständnis der biblischen Botschaft und ihrer Glaubenseinsicht widerspricht.

IV.
Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg ist gern und mit Nachdruck eine unierte Kirche. Sie versteht sich als eine unierte Kirche der lutherischen Reformation, zu deren Leben reformierte und auch unierte Gemeinden einen gewichtigen Beitrag leisten. Sie unterstreicht mit Dankbarkeit die Bedeutung, die den Erfahrungen des Kirchenkampfs und insbesondere der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 für das kirchliche Selbstverständnis zukommt. Sie weiß sich einem Verständnis der Union reformatorischer Kirchen verpflichtet, wie es sich aus der Leuenberger Konkordie von 1973 ergibt. Die Leuenberger Konkordie hat die Kirchengemeinschaft lutherischer, reformierter und unierter Kirchen für und in Europa theologisch geklärt und begründet.

In den vergangenen Tagen habe ich eine Ordinandenrüste für zwanzig Ordinandinnen und Ordinanden gehalten. Ich habe es als besonderes Glück empfunden, dass wir gegenwärtig wieder so große Ordinandengruppen haben können. In anderen Jahren waren wir froh, wenn wir sieben junge Theologinnen und Theologen ordinieren konnten. In diesem Jahr dagegen werden wir sogar noch eine zweite Ordinandengruppe haben.

Von den zwanzig Ordinandinnen und Ordinanden, mit denen ich in den letzten Tagen zusammen war, lassen sich zwei auf die lutherischen Bekenntnisschriften und achtzehn auf die reformatorischen Bekenntnisschriften ordinieren. Sieht man genau zu, so ist diesen achtzehn nicht so wichtig, dass sie den Katechismen Martin Luthers auch den Heidelberger Katechismus als Bekenntnisschrift hinzufügen können. Ihnen ist vor allem die Überzeugung wichtig, dass der Prozess des Bekennens weiter geht. Und sie wollen zum Ausdruck bringen, dass die Barmer Theologische Erklärung auf Entscheidungen beruht, hinter die unsere Kirche auch heute nicht zurückgehen kann. Sie betonen zugleich die Bedeutung der Leuenberger Konkordie. Sie wollen die Gemeinschaft der reformatorischen Kirchen stärken; denn darin sehen sie einen wichtigen Beitrag zu gelebter Ökumene.

Unter unseren Pfarrerinnen und Pfarrern sind solche Überzeugungen weit verbreitet. In ihnen entwickelt sich das Erbe der preußischen Union in sachgemäßer und zeitgerechter Weise weiter. Dieses Erbe verbindet unsere berlin-brandenburgische Kirche mit der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir auch im Blick auf das geistliche Leben eine gute gemeinsame Basis haben, auf der miteinander weiterzubauen nicht nur möglich, sondern auch lohnend ist.