Bundesweite Eröffnung der Woche für das Leben 2006 in Stuttagrt

Begrüßung und thematische Hinführung im Ökumenischen Gottesdienst (Wolfgang Huber)

29. April 2006

Sehr herzlich begrüße ich Sie hier in Stuttgart zur bundesweiten Eröffnung der Woche für das Leben und tue dies auch im Namen des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann. Bereits zum 13. Mal führen unsere beiden Kirchen diese Initiative durch, an der zahlreiche Kirchengemeinden, Einrichtungen und Verbände in 27 katholischen Bistümern und 23 evangelischen Landeskirchen teilnehmen. Die Kirchen weisen damit auf die vielfältigen Gefährdungen des menschlichen Lebens hin und sensibilisieren für dessen Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit in allen seinen Phasen. Die Wertschätzung des Lebens im Alter, der Umgang mit behinderten, kranken oder pflegebedürftigen Menschen, der Einsatz für eine kinderfreundliche Gesellschaft, der besondere Schutz des ungeborenen Lebens, Fragen der Bioethik, Chancen und Grenzen der modernen Medizin, die Bewahrung der Schöpfung oder der Schutz von Ehe und Familie – die Bandbreite der Themen der Woche für das Leben ist so vielfältig wie das Leben selbst.

Seit dem letzten Jahr heißt das Leitmotiv für drei Jahre: KinderSegen – Hoffnung für das Leben. Während wir uns im vergangenen Jahr auf den Schutz der bereits geborenen Kinder konzentriert haben und im nächsten Jahr die Frage nach dem Ja zu Kindern, der Entscheidung für sie noch vor Beginn der Schwangerschaft in den Blick nehmen werden, geht es in diesem Jahr um den Schutz des ungeborenen Lebens. Deshalb heißt der Titel der diesjährigen Woche Von Anfang an uns anvertraut. Menschsein beginnt vor der Geburt.

Das christliche Verständnis des Menschen ist durch die biblische Botschaft von Gott dem Schöpfer geprägt Geschaffen als Gottes Ebenbild besitzt jeder Mensch vor Gott und den Menschen einen eigenen Wert und eine einzigartige Würde. Diese Auszeichnung des Menschen wird erneuert und aller menschlichen Schuld gegenüber bekräftigt in Jesus Christus, dem einen Bild Gottes, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Darin gründet unsere Gewissheit, dass die Menschenwürde unverlierbar ist, wie immer der Mensch beschaffen ist und was immer mit ihm geschieht – und sei er in seinen Lebensäußerungen noch so eingeschränkt. Auch vorgeburtliches Leben ist einbezogen in diesen besonderen Schutzraum, der mit der Würde des Menschen gegeben ist. Denn in ihm ist individuelles menschliches Leben in seiner Fülle bereits angelegt.

Nicht erst mit der Geburt wird der Mensch ein Mensch. Er ist vielmehr von allem Anfang an darauf angelegt, Mensch zu werden. Deshalb ist jedes werdende menschliche Leben unserem Schutz und unserer Fürsorge anvertraut. Wann immer menschliches Leben sich regt und bewusst wird, liegt darin eine Verheißung auf Leben, Hoffnung und Zukunft. Zugleich ist uns aber auch die Verantwortung übertragen, für dieses Leben zu sorgen und für es einzustehen. Wenn es abbricht, wird das auch schon auf den frühesten Stufen als Schmerz, und als Verlust empfunden. Wir dürfen uns dabei von der Hoffnung tragen lassen, dass die Beziehung des Menschen zu Gott nach dem biblischen Zeugnis (Psalm 139,13; Jeremia 1,5) von Gott schon vor der Geburt begründet wird. Gott selbst ist es, der in der Anfänglichkeit menschlichen Lebens immer neu Zukunft beginnt.

Christen vertrauen darauf, dass Gott alles Lebendige liebt. Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst aber alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist. (Weisheit Salomos 11,24 -12,1)

Das Vertrauen auf Gottes Zusage verpflichtet zur Fürsorge für das Leben. Es verpflichtet aber ebenso dazu, sich Menschen in Situationen zuzuwenden, in denen es schwer fällt oder nicht gelingen will, sich auf ein Kind einzulassen. Es sind sehr verschiedene Notlagen und Konflikte, die Menschen treffen können. In jeder besonderen Konstellation ist unser Mitdenken, oft auch unser Mitleiden wach gerufen. Menschen fürchten sich vor einem Bruch in ihrer Biographie, wenn eine Schwangerschaft ausgetragen wird: ein Abbruch der Ausbildung, ein Ende der Berufstätigkeit, eine Gefährdung einer darauf noch nicht vorbereiteten Partnerschaft, ein Einbruch in den finanziellen Lebensbedingungen. Auch dadurch können Schwangerschaftskonflikte entstehen, dass Schwangere unter Druck gesetzt werden: sei es von den Vätern der Kinder, die sich vor Verantwortung scheuen, sei es durch Eltern, denen es für sich selbst zu früh erscheint, Großeltern zu werden, sei es durch ganz andere Personen aus der unmittelbaren Umgebung der Schwangeren.

Konflikte sind ernst zu nehmen. Aber ein Druck von dritter Seite ist nicht zu rechtfertigen. Je an unserem Ort stehen wir vor der Aufgabe, einer Schwangeren dabei zu helfen, dass sie zu dem in ihr wachsenden Kind Ja sagen kann. Es gibt einen gemeinsamen  Beruf zur Familie; auch Nachbarschaft, Stadtviertel oder Kirchengemeinde sind Teil solch einer Verantwortungsgemeinschaft, die signalisiert: Ein Kind ist uns willkommen!

Ich möchte unseren Blick noch auf einen besonderen Aspekt lenken: Kinder zu empfangen, ist Frauen in einzigartiger Weise anvertraut und abverlangt. In ihnen wächst menschliches Leben und ist beschützt. Die Mutter ist diejenige Person, die zuerst spürt, dass ein neues Menschenleben entsteht, dass sie schwanger geworden ist. Gerade die Mutter weiß von dem Wunder aus Einheit und Zweiheit in der Schwangerschaft. Diese besondere Situation hat Gott den Frauen vorbehalten. Hier gibt es einen unterschiedlichen Erfahrungshorizont von Männern und Frauen mit ungeborenem Leben, der nicht einfach übersprungen werden kann. Bei all unseren Bemühungen um den Schutz des menschlichen Lebens müssen wir diese unterschiedliche Erlebensweise berücksichtigen.

In diesem Zusammenhang ist nüchtern, aber zugleich betrübt festzustellen, dass die Bereitschaft zu Kindern bei Männern deutlich geringer ist als bei Frauen. An der vergleichsweise niedrigen Zahl der Geburten in Deutschland haben Männer einen ebenso großen Anteil wie an der vergleichsweise hohen Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen. Die Verantwortung der Männer muss neu zum Thema werden. Nach wie vor erleben sich Männer – oft bemüht, die Ansprüche zwischen Beruf und Familie auszugleichen – in der Rolle des Haupternährers. Eine Familie zu gründen, bevor sie für deren angemessenes Auskommen sorgen können, kommt für viele Männer nicht in Betracht. Die Schwierigkeit, eine feste Arbeitsstelle und ein sicheres Einkommen zu finden, verhindert oft die Familiengründung. Auch viele noch kinderlose Männer wollen gerne Vater werden, sehen sich aber durch eine Kollision mit anderen Lebensinteressen daran gehindert. Solche ernst zu nehmenden Sorgen dürfen jedoch nicht länger ein Gewicht entwickeln, durch das sie für viele Männer das Glück einer Vaterschaft verhindern.

Kinder sind ein Inbegriff sowohl für die Schutzbedürftigkeit als auch für die Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens. Ob eine Gesellschaft in ihrer Grundverfassung eine menschenfreundliche Gesellschaft ist, entscheidet sich nicht zuletzt auch daran, ob sie kinderfreundlich oder kindvergessen ist. Deshalb kann und soll die Woche für das Leben 2006 ein Anstoß dazu sein, dass sich die gesellschaftliche Mentalität in solchen Fragen ändert. Ganz besonders wir Männer sollten mehr Verantwortungsbereitschaft dafür zeigen, dass Schwangerschaften angenommen werden und gelingen. Kinder sind nicht ein Mittel zum Zweck. Sie sind auch nicht dazu da, unsere Rente zu sichern. Sie sind ein Geschenk Gottes und ein Segen.

Hannover / Stuttgart, 29. März 2006

Pressestelle der EKD
Christof Vetter

Statement von Bischof Wolfgang Huber im Preessegespräch am 29. April

Predigt von Karl Kardinal Lehmann im Eröffnungsgottesdienst